• vom 22.11.2011, 18:27 Uhr

Europa

Update: 19.12.2013, 19:11 Uhr

Russland

Chodorkowski ist unter Putin auch als Filmsujet tabu




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  • Russische Kinos wagen es nicht, neuen Dokumentarstreifen zu zeigen.

Für den Kreml bleibt Chodorkowski ein rotes Tuch.

Für den Kreml bleibt Chodorkowski ein rotes Tuch.© EPA Für den Kreml bleibt Chodorkowski ein rotes Tuch.© EPA

Moskau. (is) Die russischen Kinos gehen vor der Staatsmacht in die Knie: Ein kontroverser Dokumentarfilm über den inhaftierten Kremlkritiker Michail Chodorkowski findet kurz vor der Parlamentswahl in Russland kaum Abnehmer. So hätten fast alle der 20 Moskauer Kinos, in denen "Der Fall Chodorkowski" des deutschen Regisseurs Cyril Tuschi am 1. Dezember anlaufen sollte, die vereinbarte Aufführung wieder abgesagt, berichtete die Tageszeitung "Kommersant" in der Dienstagausgabe. Zuvor hatten dies bereits alle großen russischen Verleiher aus Angst um ihr Filmgeschäft getan. Auch andere Städten wie St. Petersburg winkten ab.

Einzig das Dokumentarfilmfestival Artdocfest wagt es, den Streifen zu zeigen. Dort wird der Film im Moskauer Kino Chudoschestwenny am 2. Dezember anlässlich der Eröffnung des Festivals präsentiert - nur wenige Straßenzüge vom Kreml entfernt.


Am 4. Dezember wählt Russland ein neues Parlament. Ministerpräsident Wladimir Putin, dessen Regierungspartei Geeintes Russland nur mit massiver Wahlfälschung eine solide Mehrheit zusammenbringen wird können, wolle verhindern, dass die Russen die wahren Motive für den politischen Schauprozess gegen Chodorkowski erfahren, meinen Menschenrechtsaktivisten. Der Berliner Regisseur Cyril Tuschi zeigt in der Dokumentation, die in Deutschlands Kinos Mitte November angelaufen ist, das Schicksal des einst reichsten, von Putin kaltgestellten Russen. Der Öltycoon hatte die Korruption der politischen Führung angeprangert und die liberale Opposition finanziell unterstützt. Kurz darauf klickten 2003 die Handschellen. Chodorkowski wurde zu knapp 14 Jahren Haft verurteilt; offiziell wegen Geldwäsche und Steuerhinterziehung. Seinen zerschlagenen Yukos-Konzern teilte sich Putins Machtclique untereinander auf.

"Wenn ich gewusst hätte, was ich mit diesem Film auslöse, hätte ich ihn nie gemacht", gab der deutsche Regisseur mit russischen Vorfahren anlässlich der Internationalen Filmfestspielen in Berlin 2011, wo "Der Fall Chodorkovski" am 14. Februar uraufgeführt wurde. Fünf Jahre arbeitete Tuschi an diesem Porträt über den demokratisch gesinnten Ex-Oligarchen. Er befragte mehr als 70 Zeitzeugen, das Interviewmaterial umfasste 180 Stunden. Schließlich bekam er sogar das erste Film-Interview mit Chodorkowski seit dessen Verhaftung vor acht Jahren. Bei seiner Arbeit geriet Tuschi gleich mehrmals ins Visier des gefürchteten russischen Geheimdienstes FSB, der KGB-Nachfolgerorganisation. Zweimal wurde er Opfer von Überfällen. Zunächst stahlen "Unbekannte" eine Festplatte mit Teilen des Films aus seinem Hotelzimmer in Bali, wo der Film geschnitten wurde. Im Februar verschwand wenige Tage vor der Weltpremiere auf der Berlinale bei einem Einbruch in sein Büro das Notebook, wo die Kopie des Films samt des gesammelten Materials gespeichert waren. Wegen befürchteter Wanzen wechselte Tuschi daraufhin seine Wohnadresse.

Mitte November lief der Film in deutschen Kinos an. Ob wann er auch in die heimischen Österreichs Kinos kommt, ist offen.




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Dokument erstellt am 2011-11-22 18:32:07
Letzte Änderung am 2013-12-19 19:11:27


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