• vom 02.06.2011, 13:59 Uhr

Europa

Update: 02.06.2011, 20:34 Uhr

Protestbild in Athen hat sich stark verändert

"Die Griechen sind aufgewacht"




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Jens Bastian.

Jens Bastian. Jens Bastian.

Wie wird die Arbeit des Währungsfonds gesehen? Gibt es die Forderung: Wir wollen raus aus den Hilfskrediten mit ihren Sparauflagen, koste es was es wolle?

Das kommt zum Teil aus der Opposition - von der konservativen Partei, den Linkssozialisten oder Kommunisten, teils auch aus dem Gewerkschaftslager. In der Bevölkerung setzt sich hingegen die Sicht durch, dass die Troika aus IWF, Europäischer Kommission und Zentralbank die beste Chance ist, die Griechenland hat - vielleicht auch die letzte. Die Troika bringt Transparenz in die wirtschaftlichen Verhältnisse. Die Griechen wissen erstmals, wie viele Menschen im öffentlichen Dienst arbeiten. Sie wissen erstmals, wie hoch der Schuldenberg ist und wie viel der Staat besitzt. Die Wahrnehmung ist zum ersten Mal: Wir haben nicht nur Schulden, sondern sind auch reicher als gedacht. Die vierteljährlichen Evaluierungen der Troika ermöglichen zudem eine ständige Einflussnahme auf die Regierung: Wo gibt es Erfolge, wo Defizite. Die Bevölkerung ist nun sicher, dass nichts mehr verheimlicht und nicht mehr gelogen werden kann.

Für Nordeuropäer scheint klar, woher die Probleme kommen: Die Griechen haben Budgets gefälscht, sich den Weg in die Eurozone erschummelt. Sie haben über die Verhältnisse gelebt - Deutschlands Kanzlerin Merkel hat die Griechen als Urlaubs- und Pensionsweltmeister hingestellt. Wie kommen diese Vorhaltungen in Griechenland an?

Ich würde keine einzige dieser Stereotypen unterschreiben, sondern empfehle einen zweiten Blick auf das Land und seine Gesellschaft. Diese Belehrungen, die vor allem, aber nicht nur aus Berlin kommen, werden mit einem arroganten Grundton wahrgenommen. Viele Griechen sagen: "So nicht! Wir wissen, wie es um unser Land steht. Wir haben die Hausaufgaben in Angriff genommen. Aber wir wollen nicht in dieser Form beleidigt werden." Diese Belehrungen sind kontraproduktiv und entmutigen jene, die in schwierigen Zeiten etwas auf die Beine stellen wollen. Kanzlerin Angela Merkel vergibt mit solchen Reden eine große Chance: Die Deutschen waren bis vor kurzem respektiert, die Griechen hatten über 30 Jahre eine tiefe Beziehung zu diesem Land aufgebaut: Als Arbeitsmigranten, über den Tourismus, im Privaten über Ehen. Es gibt Verbindendes in der Musik; Otto Rehhagel hat die Griechen zum Fußball-Europameister gemacht. Dieses positive Grundbild wurde durch solche Polemiken nachhaltig erschüttert. Merkel hat in der Sache oft Recht. Würde sie es anders formulieren, könnte sie die Griechen damit erreichen.

Den Deutschen und Franzosen geht es eigentlich um ihre Banken: Ist das eine gängige Sicht?

Das wird in der Tat so gesehen. Viele haben den Eindruck, dass Griechenland die Unterstützung erhält, um das Geld sofort zurück nach Frankfurt, Berlin oder Paris zu transferieren, weil dort Banken wie Deutsche Bank, Commerzbank, den Landesbanken, Société Générale oder Crédit Agricole die Staatsanleihen zurückgezahlt werden müssen. Die Wahrnehmung ist, dass es in Deutschland und Frankreich eine Realitätsverweigerung darüber gibt, dass diese Schuldenkrise auch Teil der europäischen Finanzkrise darstellt - und es natürlich eine Verantwortung der Institute gibt, die über zehn Jahre lang Griechenland zu viel zu billigen Konditionen Geld geliehen haben.

In Deutschland oder Österreich werden die Hilfskredite oft dargestellt, als wären es Geldgeschenke…

Seit neun Tagen halten tausende Griechen den Platz der Verfassung in Athen ununterbrochen besetzt.

Seit neun Tagen halten tausende Griechen den Platz der Verfassung in Athen ununterbrochen besetzt.© epa/Alexandros Vlachos Seit neun Tagen halten tausende Griechen den Platz der Verfassung in Athen ununterbrochen besetzt.© epa/Alexandros Vlachos

Griechenland zahlt auf die vier ausgezahlten Kredittranchen - demnächst steht eine fünfte an - Zinsen. Zunächst waren es 5,2 Prozent, jetzt sind es 4,2 Prozent. Die Geberländer sind also bisher im Plus und bleiben es, solange Griechenland die Schulden zu hundert Prozent begleicht.

Gibt es in Griechenland Debatten darüber, zur Drachme zurückzukehren?

Überhaupt nicht. Der Euro wird von allen Griechen als eine Errungenschaft empfunden, die Stabilität gebracht hat. Diese Spekulationen werden nur von außen hereingetragen, stoßen hier aber seit einem Jahr auf keinen fruchtbaren Boden.

Dr. Jens Bastian (50) lebt und arbeitet seit 15 Jahren in Griechenland. Der Deutsche ist als Ökonom bei der Denkfabrik ELIAMEP (Hellenische Stiftung für Europäische und Außenpolitik) beratend tätig.

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Dokument erstellt am 2011-06-02 13:59:00
Letzte Änderung am 2011-06-02 20:34:00


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