• vom 06.11.2018, 17:35 Uhr

Europachronik


Nationalsozialismus

Prozess gegen ehemaligen SS-Wachmann




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  • Dem 94-jährigen Deutschen wird hundertfache Beihilfe zum Mord vorgeworfen.

Münster. Mit der Verlesung der Anklage hat an einem Gericht in Deutschland am Dienstag der Prozess gegen einen ehemaligen SS-Wachmann im deutschen Konzentrationslager Stutthof begonnen. Die auf Naziverbrechen spezialisierte Dortmunder Staatsanwaltschaft wirft dem 94 Jahre alten Mann aus dem Kreis Borken in Nordrhein-Westfalen hundertfache Beihilfe zum Mord vor.

Der Angeklagte soll als SS-Wachmann in dem deutschen Konzentrationslager bei Danzig von Juni 1942 bis September 1944 Dienst getan haben. Er hat laut Anklage nicht nur mitbekommen, wie Häftlinge brutal ums Leben kamen. Als Wachmann soll er viele grausame Morde erst möglich gemacht haben.


Der Angeklagte hörte sich äußerlich unbewegt die Schilderungen der Anklage am Landgericht Münster an. Darin ging es um eine Tötung der Häftlinge mit Gas, aber auch um gezieltes Erschießen bei vorgetäuschten medizinischen Untersuchungen. Der Angeklagte wurde in einem Rollstuhl in den Gerichtssaal geschoben.

An dem Verfahren nehmen 17 Nebenkläger, darunter aus Israel und den USA teil. Sie wurden am ersten Prozesstag von elf Anwälten vertreten. Die Verteidiger kündigten an, dass sich der 94-Jährige im Laufe des Verfahrens äußern will. Der Zeitpunkt sei allerdings noch offen.

Weiterer Prozess noch offen
Ähnliche Fälle wurden in den vergangenen Jahren vereinzelt vor deutschen Gerichten verhandelt. Als wegweisend galt der Fall des inzwischen verstorbenen Auschwitz-Buchhalters Oskar Gröning, den das Landgericht Lüneburg 2015 zu einer vierjährigen Haftstrafe wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen verurteilte. Das Urteil wurde vom Bundesgerichtshof bestätigt. Gröning starb im Alter von 96 Jahren kurz vor einem möglicherweise bevorstehenden Haftantritt.

Im April erhob die Staatsanwaltschaft Stuttgart Anklage gegen einen früheren SS-Wachmann des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau wegen Beihilfe zum Mord in 13.335 Fällen.

Der 94-Jährige habe als SS-Angehöriger von Dezember 1942 bis Jänner 1943 durch seinen Wach-und Bereitschaftsdienst den Lagerbetrieb und damit die Vernichtungsaktionen der Nationalsozialisten unterstützt, so die Staatsanwaltschaft. In dem Zeitraum seien mindestens 15 Transporte eingetroffen, bei denen die Menschen gleich nach ihrer Ankunft nach ihrer Arbeitsfähigkeit sortiert worden seien. Nach Auffassung der Anklage wurden 13.335 Menschen als nicht arbeitsfähig eingestuft und dann in den Gaskammern in dem deutschen KZ im besetzten Polen getötet.

Für den möglichen Prozess ist das Landgericht Mannheim zuständig. Es muss jedoch noch über die Zulassung der Anklage entscheiden.




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Dokument erstellt am 2018-11-06 17:46:06


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