• vom 13.12.2018, 07:00 Uhr

Europachronik

Update: 13.12.2018, 11:33 Uhr

Orthodoxe Kirche

Kiews Kirche nabelt sich ab




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Von Gerhard Lechner

  • Ein Konzil soll die Kirchenspaltung in der Ukraine beilegen und die Bande Kiews mit Moskau zerschneiden.

Nach einer Hausdurchsuchung gab der an Moskau orientierte Metropolit Pawel eine Pressekonferenz im Kiewer Höhlenkloster. - © afp/Genya Savilov

Nach einer Hausdurchsuchung gab der an Moskau orientierte Metropolit Pawel eine Pressekonferenz im Kiewer Höhlenkloster. © afp/Genya Savilov

Kiew/Moskau/Istanbul. "Potschajiw?", fragt Oksana. Für an der EU orientierte katholisch geprägte ukrainische Patriotinnen, wie sie eine ist, gibt es gewiss sympathischere Orte. Das prachtvolle orthodoxe Kloster mitten im national orientierten Westen der Ukraine sagt ihr nicht so zu.

Dabei ist es nicht so, dass Oksana, die aus der galizischen Stadt Ternopil stammt, etwas gegen Orthodoxe hätte. Bereitwillig führt Sie die Gäste aus dem Westen zu allen Arten von Sehenswürdigkeiten, orthodoxe Heiligtümer eingeschlossen. Aber Potschajiw? Muss es ausgerechnet Potschajiw sein? Jenes Wallfahrtskloster, das dem Moskauer Patriarchat unterstellt ist und nicht dem von Moskau 1993 abgespaltenen selbsternannten Kiewer Patriarchen Filaret? Das Bollwerk der russischen Orthodoxie gegen die mit Rom unierte griechisch-katholische Kirche, also gegen jene ehemaligen Orthodoxen, die im 16. Jahrhundert dem Ruf Roms gefolgt sich und den Papst als ihren Oberherrn anerkannt haben - unter Beibehaltung ihrer Liturgie? Der Ort, an dem laut Oksana allzu heftig gegen die katholischen und innerorthodoxen Abtrünnigen polemisiert wird? Das Symbol von Moskaus Einfluss im sonst alles andere als russlandbegeisterten Westen der Ukraine?


Hochpolitischer Kirchenstreit
Irgendwie liegt eine Art mystisches Dämmerlicht um Potschajiw. Die Häuser des wolhynischen Städtchens sind einfach. Die bemalten Holzkreuze, die am Wegesrand stehen, sind von Blumen geschmückt. Aus den Schornsteinen steigt Rauch auf, der sich im Nebel verliert. Über allem thront die Lawra, das Kloster, auf einem Hügel, dem Himmel näher als die geduckten Häuser des vergleichsweise armen 8000-Einwohner-Ortes. Eine Symphonie aus Blau, Weiß und Gold. Ein Monument des Triumphs der Orthodoxie.

Hier lebte als Abt Hiob von Potschajiw, ein Mann aus der Westukraine, ein strenger orthodoxer Heiliger. Inmitten der Glaubenswirren des 17. Jahrhunderts stritt er gegen die intensiven polnisch-katholischen Missionsbemühungen für die Orthodoxie. Schweigsam soll er gewesen sein und im Gebet versunken. Ein Asket, der sich über Wochen in seiner Höhle einschloss und die Klosterdisziplin erneuerte. Das merken die Besucher auch heute: Statt Touristen dominieren in der Lawra entrückte Wallfahrer, die Gebete rezitieren. Frauen, die das obligatorische Kopftuch nicht aufsetzen, werden am Eingang des Klosterareals abgewiesen. Die Disziplin ist immer noch streng.

Mit der Beschaulichkeit und Abgeschiedenheit des kleinen westukrainischen Städtchens könnte es aber bald vorbei sein. Denn Potschajiw, auf russisch Potschajew genannt, ist heute einer der Brennpunkte des Kirchenstreits in der Ukraine. Und dieser Streit, so seltsam er manchem westlichen Beobachter anmuten mag, ist hochpolitisch. Er verläuft parallel zum West-Ost-Konflikt in der Ukraine. Die kirchlichen Spaltungen sind auch einer der Ursachen dieses lange andauernden Konflikts. Der Name "Ukraine" bedeutet übersetzt nicht umsonst "Grenzland". Seit Jahrhunderten stehen sich in dem heterogenen Land Orthodoxie und Katholizismus gegenüber, geht der Blick der Menschen nach Westen oder Richtung Osten.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-12-12 15:49:55
Letzte Änderung am 2018-12-13 11:33:06



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