• vom 15.12.2018, 09:00 Uhr

Europachronik


Ukraine

Streit in Gottes Namen




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Von Gerhard Lechner

  • Der orthodoxe Kirchendisput zwischen Moskau und Konstantinopel könnte nach diesem Samstag an Schärfe gewinnen. Auf einem "Vereinigungskonzil" in Kiew soll eine geeinte ukrainische Kirche geschaffen werden. Doch es zeigen sich Risse.

Handfester Religionsstreit in Kiew: Eine Gläubige geht vor dem Höhlenkloster auf einen Anti-Russland-Aktivisten los.

Handfester Religionsstreit in Kiew: Eine Gläubige geht vor dem Höhlenkloster auf einen Anti-Russland-Aktivisten los.© afp/S. Supinsky Handfester Religionsstreit in Kiew: Eine Gläubige geht vor dem Höhlenkloster auf einen Anti-Russland-Aktivisten los.© afp/S. Supinsky

Kiew/Moskau/Istanbul. Der 6. Jänner ist in den meisten orthodox geprägten Ländern - aufgrund des dort kirchlich immer noch geltenden julianischen Kalenders - der Tag, an dem der Heilige Abend stattfindet. Alles konzentriert sich auf die Liturgie, die am späten Abend des 6. Jänner als Vesper beginnt, um in den frühen Morgenstunden des Geburtstages Jesu in feierlicher Hochstimmung zu enden.

Doch dieses Mal dürfte - wenigstens in Kiew - etwas anderes im Mittelpunkt stehen. Am 6. Jänner soll nämlich der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I., dem innerhalb der Orthodoxen Kirchen traditionell eine Art Ehrenvorsitz zukommt, in seinem Amtssitz in Istanbul den Vertretern einer neuen ukrainisch-orthodoxen Landeskirche feierlich den Tomos übergeben. Das ist eine Art Bulle, die der neuen Kiewer Kirche die Autokephalie, also Eigenständigkeit verleiht. Sie wäre dann allen 14 selbständigen orthodoxen Kirchen gleichstellt - und damit von der Weltorthodoxie anerkannt.


Das war bis jetzt nämlich nicht der Fall: Die orthodoxe Kirche in der Ukraine ist seit Jahrhunderten dem Moskauer Patriarchen unterstellt. Das kommt auch in dessen Titel - "Patriarch von Moskau und der ganzen Rus" - zum Ausdruck, in dem auf die mittelalterliche Kiewer Rus Bezug genommen wird. Zu dieser Zeit waren die Völkerschaften der Rus, die sich später zu Russen, Weißrussen und Ukrainern ausgeprägt haben, in einem Staat vereinigt. Die Hauptstadt Kiew besitzt in Russland als "Mutter der russischen Städte" noch heute einen hohen Symbolwert. Die Unabhängigkeit, die Ukrainer und Weißrussen nach dem Ende der Sowjetunion erlangt haben, wird von vielen in Moskau als Resultat vor allem westlicher Ränkespiele gesehen, deren Ziel es sei, die "brüderlichen" ostslawischen Völker auseinanderzudividieren.

In der heutigen Kiewer Führungsschicht wird das naturgemäß anders gesehen. Präsident Petro Poroschenko gehört zu den vehementesten Befürwortern einer totalen Trennung von Moskau, also auch einer kirchlichen. Einfach ist das nicht. Denn die orthodoxe Kirche in der Ukraine ist selbst tief gespalten. Die mit Abstand größte ist dabei jene ukrainisch-orthodoxe Kirche, die dem Moskauer Patriarchen unterstellt ist. Dann gibt es noch zwei weitere orthodoxe Kirchen, die sich 1918 bzw. 1993 abgespalten haben und die von der Weltorthodoxie - und naturgemäß von Moskau - als "Schismatiker" nicht anerkannt sind. Bis jetzt.

Denn das soll sich jetzt ändern. An diesem Samstag findet in Kiew ein "Vereinigungskonzil" statt, das den Segen aus Konstantinopel hat. Damit soll Poroschenkos Ziel einer geeinten ukrainisch-orthodoxen Kirche erreicht werden.

Das Problem dabei: Die Kirche des Moskauer Patriarchats legt sich quer. Nur zwei von 90 seiner Bischöfe nehmen an dem Konzil teil. Damit stehen die Zeichen auf Fortführung der Spaltung statt auf Einigung. Zumal auch viele Kleriker der abtrünnigen Kiewer Kirche des selbsternannten Patriarchen Filaret mit manchen Vorschlägen Konstantinopels zumindest nicht glücklich sind. Denn Bartholomaios, dem abgesehen von Gemeinden in den USA nur wenig Kirchenvolk untersteht, will Kiew nur eine Metropolie, aber kein Patriarchat zugestehen. Man wäre dann statt wie bisher an Moskau an Konstantinopel angedockt. Die Folgen des Konzils am Samstag für die Orthodoxie könnten einschneidend sein. Schon nach der Ankündigung Konstantinopels, Kiew die Autokephalie zu gewähren, hat Moskaus Patriarch Kirill I., das Oberhaupt der größten orthodoxen Kirche, seinen Gläubigen untersagt, in Bartholomaios’ Kirchen die Kommunion zu empfangen. Der Vollzug der Autokephalie könnte die Lage weiter verschärfen. Eine Spaltung der Weltorthodoxie wäre möglich.

Patriarch bittet Papst um Hilfe
In der Ukraine selbst stehen die Zeichen ebenfalls nicht auf Friede und Eintracht. Die bedeutendsten Heiligtümer befinden sich im Besitz des Moskauer Patriarchats. Das ist vielen in Kiew ein Dorn im Auge. Erst kürzlich wurde dem Moskauer Patriarchat das Nutzungsrecht für das große Wallfahrtskloster Potschajiw in der Westukraine entzogen. Auch das berühmte Kiewer Höhlenkloster, fordern ukrainisch-nationale Kreise, soll den Besitzer wechseln. Dass dessen Mönche freiwillig den Platz räumen, ist nicht zu erwarten. Damit könnte es zu auch zu Gewalt in der Auseinandersetzung um die Heiligtümer kommen. Moskau spricht von Kirchenverfolgung, Kirill wandte sich am Freitag an Papst Franziskus und bat um Hilfe.




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Dokument erstellt am 2018-12-14 17:58:50



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