• vom 14.11.2013, 18:25 Uhr

Europachronik

Update: 14.11.2013, 19:45 Uhr

Budapest

Verwahrlost, aber frei




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Von WZ-Korrespondentin Kathrin Lauer

  • Budapest will Straßen, Plätze, Unterführungen und Parks von Obdachlosen "säubern"
  • Die "Wiener Zeitung" hat sich bei Budapests Sandlern umgehört - eine Reportage.

Teile des Budapester Stadtgebiets sollen für Obdachlose tabu werden - Bürgerrechtler von "Die Stadt gehört jedem" protestieren dagegen und besetzten einen Sitzungssaal des Rathauses.

Teile des Budapester Stadtgebiets sollen für Obdachlose tabu werden - Bürgerrechtler von "Die Stadt gehört jedem" protestieren dagegen und besetzten einen Sitzungssaal des Rathauses.© reuters Teile des Budapester Stadtgebiets sollen für Obdachlose tabu werden - Bürgerrechtler von "Die Stadt gehört jedem" protestieren dagegen und besetzten einen Sitzungssaal des Rathauses.© reuters

Budapest. Soll man überhaupt erzählen, wo Monika wohnt? Die 40-jährige obdachlose Frau wähnt sich an einem freundlichen Ort, sicher vor den Polizisten, die sie vielleicht demnächst mit Gewalt an einen Ort bringen, vor dem ihr mehr graut als vor der Winterkälte. Wo es Ungeziefer gibt, wo sie mit Alkoholikern in einem Schlafsaal hausen müsste und womöglich noch bestohlen würde. Nein, lieber bleibt sie hier an der frischen, immer kälteren Novemberluft. Und weil sie sowieso schon alle Aufseher in ihrem Versteck kennen, kann es auch hier erwähnt werden: Monika wohnt auf der Budapester Margareteninsel in einem improvisierten Zelt, an einem sehr abschüssigen Ufer, gut abgeschirmt vom Gebüsch. Die vielen Jogger, die hier bis spät in die Nacht hinein vorbeischnaufen, nicken ihr oft freundlich zu, erzählt sie. Wohlgesonnen sind ihr auch die Aufseher, oft bewachen sie sogar ihr Zelt während ihrer Abwesenheit. Warum sollte sie hier weg?


Das Ende der
relativen Herrlichkeit
Diese relative Herrlichkeit dürfte aber bald ein Ende haben, denn die Margareteninsel mit ihren 10.000 hundertjährigen Platanen und ihrer mittelalterlichen Klosterruine dürfte zu jenen Kulturstätten gehören, aus denen Ungarns Gesetzgeber jetzt prinzipiell alle Obdachlosen verbannen wollen. Am Donnerstag beschloss das Budapester Stadtparlament, welche Straßen, Plätze, Unterführungen und Grünanlagen zusätzlich von Obdachlosen "gesäubert" werden sollen. Sechs Wochen zuvor hatte das Parlament beschlossen, dass Obdachlose sogar mit Haft bestraft werden können, wenn sie sich in verbotenen Zonen aufhalten.

Ein Jahr vorher hatte das Verfassungsgericht eine ähnliche Regelung gekippt. Daraufhin hob das Parlament das Gesetz im März dieses Jahres in Verfassungsrang. Den Kommunen obliegt es nun, die Sperrzonen für Obdachlose festzulegen.

Dies geschah jetzt in Budapest, trotz massiver Proteste. Dutzende Aktivisten der Obdachlosen-Hilfsorganisation "A Varos Mindenkie" ("Die Stadt gehört jedem") hatten den Sitzungssaal im Budapester Rathaus besetzt und so laut gesungen, dass eine Verständigung unmöglich war. Bürgermeister Istvan Tarlos, Mitglied der regierenden rechtsnationalen Partei Fidesz von Viktor Orban, musste deswegen die Sitzung abbrechen. Stunden später trugen Polizisten die Besetzer weg und die Sitzung wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit fortgesetzt.

Lange Tradition
des Protests
Allein in Budapest leben nach Schätzungen von Hilfsorganisationen 8000 bis 10.000 Obdachlose - einige von ihnen äußerst selbstbewusst. Seit der Wende haben sie eine Art Bewegung gegründet, die Ende 1989 mit einem Sitzstreik ihren Anfang nahm. Damit protestierten sie damals gegen Pläne der Behörden, sie aus den U-Bahnhöfen zu vertreiben. An der Station Blaha-Luiza-Platz erinnert sogar eine Wandtafel an diesen Sitzstreik. Tarlos und seine Gesinnungsgenossen haben es also mit einer langen Protest-Tradition zu tun.

Oben, auf diesem geschichtsträchtigen Blaha-Luiza-Platz, benannt nach einer berühmten Schauspielerin der ungarischen Belle Epoque, treffen sich auch heute noch viele Obdachlose. Bis 1965 stand hier das klassizistische Nationaltheater, das gesprengt wurde, weil es damals dem U-Bahnbau im Weg stand. Heute halten hier, neben einem etwas heruntergekommenen Springbrunnen mit realsozialistischem Charme, jeden Freitagnachmittag Juristen von "A Varos Mindenkie" ("Die Stadt gehört allen") ehrenamtlich Sprechstunden für Obdachlose ab. Sie helfen ihnen vor allem bei Anträgen auf einen Personalausweis, eine Voraussetzung für den Bezug von Sozialhilfe.

Jonas, 44 Jahre alt, ist hier Stammkunde. Seit fünf Jahren lebt er auf der Straße, irgendwo hinter einem Busch, dessen Standort er niemandem verrät - nicht einmal seiner ebenfalls obdachlosen Ehefrau, obwohl er sich mit ihr nicht zerstritten hat. Getrennt kommt man auf dem Budapester Pflaster besser zurecht - dies scheint die allgemeine Maxime der Obdachlosen zu sein. In den eisigen Winternächten hält sich Jonas mit gepanschtem Wein warm, den er für 350 Forint (1,16 Euro) pro Becher kauft. Aus denselben Gründen wie Monika würde er nie in ein Heim ziehen. Andere Leidensgenossen auf dem Blaha-Luiza-Platz schnüffeln immer wieder Klebstoff auf der Suche nach Rausch und Vergessen.

"Genug Wohnraum
für alle"
Viele Obdachlose wollen die Massenunterkünfte meiden. Zudem stehen derzeit nur etwa 6000 Schlafplätze zur Verfügung, also viel zu wenig. Bürgermeister Tarlos beteuerte jetzt, er werde für alle Obdachlosen Schlafplätze schaffen und dafür sogar eine ganze Sporthalle bereitstellen. "In Budapest stehen enorm viele Wohnungen leer, da müsste es doch möglich sein, für alle eine Unterkunft zu finden", meint Reka Primusz, Mitarbeiterin der Obdachlosen-Stiftung Menyhely, die kurz nach dem Sitzstreik 1989 gegründet worden war. Die neue Gesetzgebung würde dazu führen, dass die Obdachlosen von einem Stadtviertel ins andere fliehen. Viele würden somit von den Helfern, die sie vor dem Erfrieren retten wollen, nicht mehr gefunden werden, sagt Attila Takacs, Ex-Obdachloser und Aktivist von "A Varos Mindenkie" und Schützling von Menhely. Diese Stiftung tut enorm viel für seine Schutzbefohlenen. Sie sucht vor allem im Winter regelmäßig die Straßen nach möglichen Erfrierungsgefährdeten ab - wobei die Sozialarbeiter meist gezielt jene Türschwellen, Parkbänke und Unterführungen besuchen, von denen sie wissen, dass dort ihre Schützlinge warten.

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Dokument erstellt am 2013-11-14 18:29:04
Letzte Änderung am 2013-11-14 19:45:19



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