• vom 26.03.2015, 20:39 Uhr

Europachronik

Update: 02.12.2015, 12:23 Uhr

Germanwings-Absturz

"Er hat die ganze Zeit kein einziges Wort gesprochen"




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Von Gerhard Lechner, Alexander U. Mathé und Michael Schmölzer

  • Co-Pilot des Unglücksflugs von Germanwings hat Flugzeug offenbar willentlich in die Felswand geflogen.
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Marseille/Düsseldorf/Barcelona. Andreas L. sitzt allein im Cockpit seines Airbus A320. Mit einer Geschwindigkeit von 800 km/h nähern sich die Berge der französischen Alpen. L. ist Co-Pilot und hat seinen Tod und den der anderen 149 Menschen an Bord beschlossen. Er ist ganz ruhig, während sein Kapitän von außen verzweifelt gegen die Cockpittüre hämmert - keine Chance, die ist fest verschlossen, kugel- und einbruchsicher. Acht Minuten dauert der Horror. Die Passagiere schreien erst ganz am Schluss auf, dann zerschellt das Flugzeug.

Polizisten durchsuchten den Wohnsitz des Co-Piloten der Unglücksmaschine im deutschen Montabaur. Reuters/Ralph Orlowski

Polizisten durchsuchten den Wohnsitz des Co-Piloten der Unglücksmaschine im deutschen Montabaur. Reuters/Ralph Orlowski Polizisten durchsuchten den Wohnsitz des Co-Piloten der Unglücksmaschine im deutschen Montabaur. Reuters/Ralph Orlowski

So haben sich laut den französischen Ermittlern die letzten Momente des Unglücksflugs 4U9525 am Dienstag zugetragen. Kein technisches Gebrechen, keine vereisten Sonden oder nicht funktionierenden Systeme haben den Airbus der deutschen Lufthansa-Tochter Germanwings zum Absturz gebracht. Der Grund für die Katastrophe ist - wohl auch besonders für die Angehörigen der Opfer - ein besonders schrecklicher: Andreas L. brachte nach Erkenntnissen der ermittelnden Staatsanwaltschaft in Marseille die Maschine gezielt zum Absturz.

Das Verhalten des Co-Piloten weise darauf hin, dass er "den Willen hatte, das Flugzeug zu zerstören", so der ermittelnde Staatsanwalt Briece Robin. Einen Terroranschlag als Absturzgrund schlossen sowohl die Staatsanwaltschaft in Marseille als auch der deutsche Innenminister Thomas de Maiziere aus.

Die Auswertung des Stimmenrekorders erlaubt es den Ermittlern, den Ablauf des Unglücks zu rekonstruieren. Demnach hatte der Flug nach dem Start in Barcelona ganz normal begonnen. Pilot und Co-Pilot sprechen während der ersten 20 Minuten in freundlichem Tonfall miteinander, sie scherzen. Dann geht der Kapitän auf die Toilette und bittet Andreas L., die Steuerung zu übernehmen. Man hört auf dem Band, wie ein Sitz zurückgeschoben wird und sich die Tür des Cockpits schließt.

Daraufhin leitet der Co-Pilot ohne ersichtlichen Grund den Sinkflug ein. Auf dem Band ist zu hören, wie L. den dafür nötigen Schalter betätigt. "Das kann nur vorsätzlich geschehen sein", schlussfolgert Robin: Denn um einen Sinkflug einzuleiten, ist es nötig, den dafür vorgesehenen Schalter um 360 Grad zu drehen - es handelt sich also nicht um einen Knopf, den man - etwa während einer Ohnmacht - versehentlich betätigen könnte.

Wenn der Pilot nicht will, geht die Cockpit-Tür nicht auf
Als der Kapitän wieder zurück ins Cockpit will, steht er vor einer verschlossenen Tür. Ein Umstand, der an sich normal ist: Nach den Anschlägen des 11. September 2001 hat man im Flugverkehr die Sicherheitsvorschriften verschärft. Die Tür, die ins Cockpit führt, sollte - im Falle von Entführungen - verschließbar sein. Die Tür lässt sich von außen nicht öffnen. Sie ist seither speziell gesichert. Wer zu den Piloten will, muss einen bestimmten Code anwählen oder die Piloten darum bitten, die Tür zu entriegeln. Aber auch für den Fall, dass die Entführer den Code kennen, ist vorgesorgt: Die Piloten können das Cockpit von innen in jedem Fall verriegeln. Ein System, das maximale Sicherheit garantieren soll und es in der Regel auch tut. Was aber, wenn der Feind nicht von außen kommt, sondern im Cockpit selbst sitzt?

 
"Als nach den Terroranschlägen dieses System eingeführt wurde, haben wir genau so ein Szenario befürchtet und durchdiskutiert", erklärt ein Pilot gegenüber der "Wiener Zeitung". Die Befürchtungen bewahrheiten sich. Andreas L. hat sich offensichtlich im Cockpit des Airbusses eingesperrt und die Maschine gezielt zerschellen lassen. Bis zuletzt ist auf dem Voice-Recorder der ruhige und gleichmäßige Atem des 27-Jährigen zu hören. Währenddessen hört man auf der Aufzeichnung ein zunächst leises, dann stärkeres Klopfen an der Cockpittür, schließlich Schläge. Der Kapitän versuchte offensichtlich, die Tür einzutreten. Doch alle Versuche, die Sicherheitsbarriere zu überwinden, die dazu installiert war, Terroranschläge zu verhindern, schlugen fehl.

Andreas L. antwortete nicht. "Er hat die ganze Zeit kein einziges Wort gesprochen", sagte Staatsanwalt Robin. Auf die zahlreichen Funksprüche des Towers von Marseille reagierte der Co-Pilot nicht. Unmittelbar vor dem Aufprall, so Robin, sei noch zu hören, wie der Flieger irgendwo aufsetzt. Vermutlich hatte die Maschine einen Berggipfel gestreift. Dann bricht die Verbindung ab. Die Passagiere hätten bis knapp vor dem Absturz nicht geahnt, dass ein Unglück bevorsteht. Erst unmittelbar vor dem Aufprall seien laut Robin Schreie zu hören gewesen.

Das Motiv des Piloten, eine solche Wahnsinnstat zu begehen, ist noch ungeklärt. Andreas habe an Depressionen und Burnout gelitten, berichtet das deutsche Magazin "der Spiegel" in seiner Onlineausgabe. Doch das war offensichtlich nicht immer so.

Andreas L. wuchs in der rheinland-pfälzischen Westerwald-Kommune Montabaur auf, in einem ruhigen Wohngebiet im Süden der Stadt, inmitten von Einfamilienhäusern mit Gärten. L. lernte das Fliegen im Luftsportclub Westerwald (Montabaur) lieben. Lange Jahre stieg er dort in die Flieger und landete sie sicher. Im vergangenen Jahr habe er seine sogenannten Scheinerhaltungsflüge gemacht, sagte der Vereinsvorsitzende Klaus Radke. "Da habe ich ihn als sehr netten, lustigen und höflichen Menschen kennengelernt", sagte er weiter.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-03-26 20:44:09
Letzte Änderung am 2015-12-02 12:23:09


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