• vom 31.05.2015, 17:31 Uhr

Europachronik

Update: 04.06.2015, 17:14 Uhr

Deutschland

Anti-Reklame-Software setzt Medienhäuser unter Druck




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Von Harro Ten Wolde und Georgina Prodhan

  • Medien gehen Millionen an Werbeeinnahmen verloren. Blockier-Software in Deutschland weit verbreitet.
  • Gerichte werten Software als legal.

Frankfurt/Düsseldorf. (reuters) ProSiebenSat.1 und RTL laufen Sturm gegen den Angriff auf eine ihrer wichtigen Einnahmequellen - der Werbung auf Internetseiten. Doch bislang haben die Medienkonzerne damit keinen Erfolg: das Kölner Start-up-Unternehmen Eyeo darf weiterhin seine kostenlose Software zum Unterdrücken von Reklame im Netz anbieten.

Jüngst gaben gleich zwei Gerichte dem Branchenprimus im schnell wachsenden Markt für solche Anti-Reklame-Software recht. Was die von Werbung genervten Nutzer freut, trifft die Medienhäuser empfindlich: Denn nur, wenn genügend Internet-Surfer die geschaltete Werbung auf frei zugänglichen Seiten sehen, wird auch bezahlt. Mehr als 30 Prozent aller Online-Nutzer in Deutschland nutzen eine Software zum Blockieren von Werbung im Internet, so die Analysten der irischen Beratungsfirma PageFair. Weltweit sind es nur fünf Prozent. Philipp von Hilgers, Geschäftsführer des Marktforschungsunternehmens Meetrics, schätzt die Zahl für Deutschland, dem weltweit viertgrößten Werbemarkt, noch höher. Internet-Nutzer seien hier vorsichtiger, was die Sicherheit und ihre Privatsphäre im Netz angehe. "Software zum Blockieren von Online-Werbung kostet die deutschen Medienhäuser etwa 815 Millionen Euro im Jahr", schätzt der Experte. Diese Zahl basiere auf den Werbeausgaben im Netz von 1,58 Milliarden Euro 2014 und einem Anteil von 34 Prozent der Internet-Nutzer, die eine solche Software zur Unterdrückung von Reklame einsetzen.


Die für Nutzer frei erhältliche Software von Eyeo arbeitet wie eine Firewall zwischen dem Internet-Browser und dem Werbe-Server. Sie blockiert sowohl Werbung auf Internetseiten und auf Facebook wie auch Video-Reklame auf YouTube. Doch Werbetreibende können sich gegen Gebühr auf eine sogenannte Weiße Liste setzen lassen. Halten sie der Überprüfung der Eyeo-Nutzer stand und wird ihre Werbung als nicht zu aufdringlich eingestuft, werden ihre Angebote von der Werbeunterdrückung ausgenommen - gegen eine Gebühr. Mehr als 400 Unternehmen, unter ihnen Amazon und Microsoft, stehen auf der Liste und haben Eyeo so in die schwarzen Zahlen geholfen.

Vor Gericht verteidigt die Firma Eyeo seine Blockier-Software bisher erfolgreich. Am Mittwoch wies das Münchener Landgericht die Klage von ProSiebenSat.1 und RTL gegen das Produkt ab. Das Programm behindere den Wettbewerb nicht, weil die Nutzer selbst entschieden, ob sie die das Programm auf ihrem Rechner installierten, hieß es zur Begründung. Es liege keine Verletzung von Urheberrechten vor, wenn die Internet-Surfer das kostenlose Angebot der Sender zwar nutzten, die Werbung aber ausschalteten. Auch sei derzeit nicht von einer missbräuchlichen Ausnutzung einer marktbeherrschenden Stellung auszugehen, weil immer noch genügend Internetnutzer mit der Werbung erreicht werde.

RTL und ProSiebenSat.1 prüfen nun, ob sie Berufung einlegen. "Wir betrachten das Produkt als Angriff auf die Medienvielfalt und die Pressefreiheit, und deshalb prüfen wir unser Möglichkeiten und weitere rechtliche Schritte gegen Eyeo", sagte Thomas Port, Chef des ProSieben-Vermarkters SevenOne Media.

Erst vor einigen Wochen hatten auch die Verlage der deutschen Zeitungen "Handelsblatt" und "Die Zeit" eine Schlappe gegen Eyeo hinnehmen müssen. Das Landgericht Hamburg entschied ebenfalls, dass das Geschäftsmodell der Kölner, die 37 Mitarbeiter beschäftigen, in Ordnung geht. Im August steht ein weiterer Gerichtstermin in Köln an. Dann wird "Bild"-Herausgeber Axel Springer seine Argumente gegen die Blockier-Software vorbringen. Außerhalb Deutschlands sind gegen Eyeo nach eigenen Angaben keine Verfahren anhängig.




Schlagwörter

Deutschland, Medien, Werbung

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Dokument erstellt am 2015-05-31 17:35:03
Letzte Änderung am 2015-06-04 17:14:08



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