• vom 07.01.2016, 08:30 Uhr

Europachronik


Türkei

Endstation Istanbul




  • Artikel
  • Lesenswert (14)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ-Korrespondent Markus Schauta

  • Flüchtlinge suchen auf dem Aksaray Platz Schlepper, Bleibe und Arbeit.

Der Aksaray Platz ist Drehscheibe für Flüchtlinge. Salam (l.u.) wohnt gleich in der Nähe.

Der Aksaray Platz ist Drehscheibe für Flüchtlinge. Salam (l.u.) wohnt gleich in der Nähe.© Schauta Der Aksaray Platz ist Drehscheibe für Flüchtlinge. Salam (l.u.) wohnt gleich in der Nähe.© Schauta

Istanbul. Gegen 9 Uhr beginnt der Aksaray Platz zu erwachen. Kellner bauen Tische und Sessel vor den Cafés auf. Schuhputzer hocken auf ihren Plastikschemeln und warten bei einer Frühstückszigarette auf Kundschaft. Hinter den Schaufenstern der Läden bewegen sich die ersten Kunden. Im Park - mit Palmen auf grünem Rasen - liegen noch die letzten Schläfer auf den Bänken. Andere sind bereits wach, warten mit Taschen und Koffern zwischen den Beinen, Kapuzen ins Gesicht gezogen. Frauen mit Kindern am Arm. Ein Taubenschwarm zieht über den grauen Himmel. Der Aksaray Platz in Istanbul ist Treffpunkt für Syrer im Exil.

Geschätzte 350.000 Flüchtlinge sollen sich in Istanbul aufhalten. Hier auf dem Platz kontaktieren sie ihre Schlepper, suchen nach Wohnungen und Arbeit. Manche bleiben nur für wenige Tage. Andere Monate, bis sie das Geld für die Weiterreise zusammengespart haben. Für viele sind die überfüllten Wohnungen rund um den Platz Endstation; der Sprung nach Europa ist zu teuer, der Weg zurück nach Syrien versperrt.


Das Café mit den kunstlederbezogenen Sesseln unter der Markise ist einer der angenehmen Warteräume am Rande des Aksaray Platzes. Kemal, Schnauz- und Spitzbart, blauer Kapuzensweater, serviert hier seit sechs Monaten Tee, Kaffee und Hamburger. In seiner Zwölf-Stunden-Schicht bekommt der 24-jährige Syrer vieles mit, was am Platz passiert. Sieht Menschen kommen und gehen, hört die unterschiedlichen arabischen Dialekte. "Die am Nachbartisch kommen aus Tunesien", sagt Kemal und meint fünf junge Männer mit kurz geschorenen Haaren in Steppjacken. "Sie wollen nach Deutschland. Aber sie wissen natürlich, dass Syrer bevorzugt aufgenommen werden." Es seien auch viele Marokkaner hier, Algerier und natürlich Syrer.

Auch Kemal will nach Europa. Um zu studieren, einen vernünftigen Job zu finden, sich ein Leben aufzubauen. Er weiß, dass die Fahrt über das "Meer des Todes", wie er das Mittelmeer nennt, riskant ist. Dennoch will er es versuchen: "Wer Kontakt zu Schleppern sucht, wird sie am Aksaray Platz finden." Aber auch auf Facebook und eigenen Websites bieten die Muharrib, wie die Schlepper auf Arabisch genannt werden, ihren Service an. Auf Kemals Smartphone ploppen Facebook-Seiten und Foren auf: "Wir bringen dich zu günstigen Preisen nach Deutschland, Schweden oder Holland. Verfügen über große Erfahrung", steht dort zu lesen. Ein Schlepper bietet für 2500 US-Dollar die Überfahrt nach Griechenland mit einer Jacht an. Anderswo gibt es die Überfahrt schon für 1000 US-Dollar. 35 bis 40 Leute seien im Boot, das eine Länge von neun Metern habe. Das angefügte Foto eines Schlauchbootes voll Menschen ist wenig vertrauenserweckend. Der Schlepper kann über WhatsApp oder Viber kontaktiert werden. Doch die Konkurrenz unter den Anbietern ist groß. Das sei zu teuer, weiß ein Kommentator und bietet das gleiche Service für 800 US-Dollar an. "Garantiert sicher", sei der Landweg nach Griechenland, verspricht ein Angebot. Und auch gefälschte Reisepässe oder Abschlusszeugnisse syrischer Universitäten seien kein Problem, wie mehrere User versichern.

IS-Kämpfer im Haus
Mit Flüchtlingen lassen sich gute Geschäfte machen, weiß Kemal. Bis zu 10.000 US-Dollar verdiene ein Schlepper pro Monat. Und eine Menge anderer Leute schneiden mit: Kontaktpersonen in Syrien, Anwerber hier am Platz, Fahrer, Bootsbesitzer. Es heißt, dass sogar das griechische Militär bestochen werde, um Menschen am Landweg über die Grenze zu lassen. Ein Netzwerk, das sich von Syrien über die Türkei bis Griechenland spannt.

Es ist Mittag und vom nahen Minarett ruft der Muezzin. Die jungen Tunesier vom Nachbartisch haben ihre Rucksäcke geschultert. Vor dem Café gibt ihnen ein Mann kurze Anweisungen. Dann verschwinden sie im Park, der jetzt voll Menschen ist. Vor den Cafés blubbern Wasserpfeifen. Es wird Tee getrunken und gewartet. Zwischen den Tischen bettelnde Kinder und ein syrischer Bub, der sich als Schuhputzer anbietet. Im Immobilienbüro nebenan hängt ein Zettel im Schaufenster: "Wohnungen zu vermieten", steht da auf Arabisch. Und vom Vordach eines Ladens baumeln knallorange Schwimmwesten; dünner Stoff über Styropor als Versicherung gegen sinkende Schiffe.

Salam braucht keine Schwimmweste. Er ist einer von vielen Syrern, die in Istanbul hängen geblieben sind. Für ihn gibt es kein Vor und kein Zurück. "Um in die EU zu gelangen, fehlt mir das Geld", sagt Salam. Aber auch zurück nach Syrien kann er nicht. In seinem Haus wohnen jetzt Kämpfer des Islamischen Staates (IS). Der 27-Jährige hat heute seinen freien Tag. Ins Café kommt er, um Freunde zu treffen. "Keine Fotos", sagt er und greift zur Zigarettenpackung. Seine Familie sei noch in Syrien. Wenn die Schergen des IS mitbekämen, dass er in Interviews schlecht über sie spricht, könnten die sich an seinen Verwandten rächen.

Salam erzählt vom Leben im IS; von Frauen, die gezwungen sind den Gesichtsschleier zu tragen. Von einer Jesidin, die vom Hausdach sprang, nachdem der achte Mann sie vergewaltigt hatte. Und von seiner Wohnung in Deir ez-Zor, in die nach seiner Flucht ausländische IS-Kämpfer einquartiert wurden. Genauso wie das Assad-Regime ziehe auch der IS junge Männer zum Kampf ein, sagt er. Daher verließ er seine Heimatstadt und ging über Schmugglerpfade in die Türkei. Das sei gefährlich, denn wen die türkischen Polizei aufgreife, der werde misshandelt. "Sie schlagen die Flüchtlinge, stehlen ihr Geld und schicken sie dann zurück nach Syrien."

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Türkei, Flüchtlinge

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-01-06 18:20:06


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Mit dem niederländischen Modell die irische Grenzfrage lösen
  2. Polizei ruft Bevölkerung zur Mithilfe auf
  3. Theresa May reise ab
  4. Großbritannens Sehnsucht nach Isolation
  5. Auftakt zum EU-Milliarden-Poker
Meistkommentiert
  1. Kramp-Karrenbauer ist neue Vorsitzende
  2. Mehr als 1700 Festnahmen bei "Gelbwesten"-Protesten
  3. Belgiens Regierung zerbricht am Migrationspakt
  4. Ermittler fahnden nach Attentäter
  5. Harte Folgen bei hartem Brexit

Werbung




Werbung