• vom 06.01.2018, 18:00 Uhr

Europachronik

Update: 06.01.2018, 18:38 Uhr

Jubiläum

Was gibt es denn da zu feiern?




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Von Hermann Schlösser

  • Überlegungen zum bevorstehenden Jubiläum "50 Jahre 1968". Was ist vom Revolutionsjahr geblieben?




© Daniel Jokesch © Daniel Jokesch

Zwei historische Ereignisse stehen im nächsten Jahr auf der Tagesordnung des Gedenkens: 1918 und 1968. Die erste Jahreszahl markiert ein unbestreitbar bedeutsames Ereignis: Der Erste Weltkrieg, also der bis dahin mörderischste Krieg der Menschheitsgeschichte, kam an sein Ende, Monarchien und Dynastien verschwanden innerhalb weniger Wochen von der politischen Bühne, selbst wenn sie, wie die österreichische, jahrhundertelang an der Macht gewesen waren. Stattdessen entstanden Republiken und Demokratien gleichsam aus dem Nichts. Kein Zweifel, dass wir es hier mit einer markanten weltgeschichtlichen Zäsur zu tun haben, die im Übrigen auch präzise auf das Spätjahr 1918 und die ersten Monate des Jahres 1919 datiert werden kann.

Was aber wäre im Jahr 1968 passiert, das heute ein vergleichbares Gedenken rechtfertigt? War diese "Kulturrevolution" (wie sie oft genannt wurde) ebenso folgenreich wie der radikale Umbruch vor 100 Jahren? Wirkte damals tatsächlich weltweit jene "große Verweigerung", von der Herbert Marcuse und seine Schüler glaubten, sie sei imstande, einen neuen Menschen und damit eine neue Welt hervorzubringen? Oder fordert uns das Gesetz der runden Zahl nur dazu auf, einer - teils gewalttätigen, teils blümchenhaften - Unruhe zu gedenken, die vor 50 Jahren von verirrten Bürgerkindern angefacht wurde und sich bald im Sand verlief? Jedenfalls ist im historischen Gedächtnis nach wie vor verankert, dass vor 50 Jahren "etwas los war". Viele werden auch noch wissen, dass eine internationale "Studentenbewegung" agierte (Studentinnen wurden damals noch bedenkenlos "mitgemeint"), die mit dem Anspruch auftrat, die Gesellschaft und ihre Mitglieder von Grund auf zu verändern.

Information

Empfehlenswerte Literatur zum Thema:

Götz Aly: Unser Kampf. 1968 - ein irritierter Blick zurück. Fischer Verlag, Frankfurt 2007

Philipp Felsch: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960 - 1990. Fischer Verlag, Frankfurt 2016


Tony Judt: Geschichte Europas. Von 1945 bis zur Gegenwart. Hanser Verlag, München 2005 (Insbesondere die Kapitel XII und XIII.)

Gerd Koenen: Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967 - 1977. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2001
Am 2. Juni 1967 wurde der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen.

Am 2. Juni 1967 wurde der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen.© dpa/Joachim Barfknecht Am 2. Juni 1967 wurde der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen.© dpa/Joachim Barfknecht

Benno Ohnesorg und die "Bewegung 2. Juni"

Was also geschah 1968? Nüchtern chronikalisch betrachtet, fällt zunächst auf, dass manche Ereignisse, die mit 1968 verbunden werden, gar nicht in diesem Jahr stattgefunden haben. Manches geschah schon früher, so die große Demonstration gegen den Schah von Persien in Berlin am 2. Juni 1967, in deren Verlauf der Student Benno Ohnesorg vom Polizeibeamten Karl-Heinz Kurras erschossen wurde. Diese Tötung eines Demonstranten durch die Staatsgewalt trug zur Radikalisierung vieler deutscher Studenten bei; auch die erste terroristische Vereinigung, die sich in Deutschland bildete, nannte sich "Bewegung 2. Juni", in rächender Erinnerung an den polizeilichen Gewaltakt des Jahres 1967. Andererseits spielte sich zum Beispiel das riesige Musikfestival in Woodstock, das der amerikanischen Hippie-Bewegung und der dazugehörenden Musik große öffentliche Wahrnehmung verschaffte, erst im August 1969 ab.




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Schlagwörter

Jubiläum, Arcade Fire

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Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2017-12-28 15:29:36
Letzte Änderung am 2018-01-06 18:38:11


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