• vom 07.07.2018, 15:00 Uhr

Europachronik

Update: 08.07.2018, 09:48 Uhr

Entschädigung

"Dann kamen die Rasseprüfer"




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Von Michael Schmölzer

  • Die SS verschleppte tausende polnische Kinder. Eine Entschädigung bekommen sie bis heute nicht.



NS-Kunst "Bronzefigur mit Madonnengesicht": Tausende polnische Kinder wurden geraubt und deutschen Pflegeltern übergeben.

NS-Kunst "Bronzefigur mit Madonnengesicht": Tausende polnische Kinder wurden geraubt und deutschen Pflegeltern übergeben.© dpa NS-Kunst "Bronzefigur mit Madonnengesicht": Tausende polnische Kinder wurden geraubt und deutschen Pflegeltern übergeben.© dpa

Von der SS bis 1945 verschleppte und zwangsarisierte Kinder in Deutschland haben keinen Anspruch auf Entschädigung: Das hat das Verwaltungsgericht Köln diese Woche entschieden und die Klage eines Betroffenen zurückgewiesen. Begründung ist, dass der Kläger nicht unter das "Allgemeine Kriegsfolgengesetz" fällt, weil er nicht wegen seines Verhaltens oder besonderer persönlicher Eigenschaften "vom NS-Regime angefeindet" wurde.

Bis 1945 haben die Nazis in den besetzten Gebieten Kinder wegen ihres "arischen" Aussehens verschleppt, in sogenannten Lebensborn-Heimen umerzogen und dann an deutsche Familien vermittelt. Die "Wiener Zeitung" hat mit der Historikerin Ines Hopfer-Pfister gesprochen, die sich in ihrem Buch "Geraubte Identität" mit der Thematik auseinandergesetzt hat.

Information

Ines Hopfer-Pfister hat über die "Eindeutschung" polnischer Kinder in
der NS-Zeit dissertiert. Die Arbeit ist in Buchform unter dem Titel
"Geraubte Identität" im Böhlau-Verlag erschienen.

"Wiener Zeitung": Was wollten die Nazis mit ihrer "Eindeutschungsaktion" erreichen?

Hopfer-Pfister: Die zentrale Figur dahinter war Heinrich Himmler, Reichsführer-SS und Reichsführer für die "Festigung deutschen Volkstums". Er hatte die Vision eines "Großgermanischen Reiches" und dafür brauchte er "rassisch wertvolle Blutsträger". Die sollten dieses Reich bevölkern. Blonde und blauäugige Kinder, auch wenn sie slawischer Herkunft waren, galten hier als "wertvoller Bevölkerungszuwachs".

Wie viele Kinder wurden von den Nazis geraubt?

Polnische Schätzungen gehen von 200.000 Kindern aus, die in das "Altreich" oder in die "Ostmark" deportiert wurden. Ich halte das für zu hoch gegriffen. Ich würde von rund 20.000 Kindern aus Polen sprechen - das reicht noch immer. Polen geht davon aus, dass nur 15 bis 20 Prozent dieser Kinder zurückkehrten. Ich glaube, dieser Faktor war höher. Es heißt, einige tausend wurden in die Ostmark, also das heutige Österreich deportiert, davon kehrten 1000 bis 2000 zurück.

Sind da SS-Stoßtrupps durch die polnischen Dörfer gezogen und haben wahllos blonde und blauäugige Kinder requiriert? Wie muss man sich das vorstellen?

Es gab eine gesetzliche Verordnungsgrundlage. Die Anordnung 67/1. 1942 gab es dann einen Runderlass. Darin stand, dass Kinder im Alter von zwei bis zwölf Jahren in Frage kommen. Kinder aus Pflegefamilien oder Kinderheimen, die keine Angehörigen hatten. Dann wurde das ausgeweitet. Ich kenne Fälle von Kindern, die bei ihren leiblichen Eltern wohnten. Von einem Fall weiß ich, wo sie einfach in eine Schule gekommen sind und sich die Kinder dort ausgesucht haben. Das wurde als Gesundheitsuntersuchung getarnt. Die Kinder mussten in Gesundheitsämter, sie wurden gesundheitlich, "rassisch" und psychologisch getestet. Es gab ganz strikte Regeln, wie diese Kinder auszusehen hatten. Dann kamen sie in Assimilierungsheime. Dort wurden sie wieder getestet und psychologisch untersucht. Da kamen dann die Rasseprüfer des Rasse- und Siedlungshauptamtes. Wenn sie für den "Einsatz" geeignet schienen, wurden sie nach Deutschland oder Österreich deportiert. Da gab es dann wieder Heime . . .




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-06 18:01:52
Letzte Änderung am 2018-07-08 09:48:11


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