• vom 15.08.2018, 12:05 Uhr

Europachronik

Update: 15.08.2018, 16:14 Uhr

Jugendbanden

Schwedens Schandfleck




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Von Andreas Pigl

  • Kriminalität, Arbeitslosigkeit, Segregation: In Malmös Viertel Rosengard hat der Wohlfahrtstaat versagt.

Ausgebrannte Autowracks in Göteborg: Mutmaßlich jugendliche Randalierer setzten dutzende Autos in Brand.

Ausgebrannte Autowracks in Göteborg: Mutmaßlich jugendliche Randalierer setzten dutzende Autos in Brand.© ap/Ihse Ausgebrannte Autowracks in Göteborg: Mutmaßlich jugendliche Randalierer setzten dutzende Autos in Brand.© ap/Ihse

Stockholm/Wien. Mehr als 80 Autos haben maskierte Täter im Westen Schwedens in der Nacht zum Dienstag angezündet, so viele wie noch nie. Die meisten Autos wurden über 20 Standorte verteilt am Montagabend in Schwedens zweitgrößter Stadt Göteborg in Brand gesetzt. Die Polizei geht weniger als vier Wochen vor den schwedischen Parlamentswahlen am 9. September von einer koordinierten Aktion aus. Bisher konnten weder Verdächtigen noch ein handfestes Motiv ausgemacht werden, es sollen aber mehrere Leute in Verbindung mit den Autobränden, die vermutlich über die Sozialen Medien geplant wurden, identifiziert worden sein.

Das Anzünden von Autos ist in Schweden weit verbreitet. Allein in den Vororten der Hauptstadt Stockholm werden fast täglich Autos abgefackelt - mutmaßlich von sozial benachteiligten Jugendlichen. 2017 wurden laut Zivilschutz in Schweden 1457 Autos angezündet, 2016 waren es 1641.


Dabei gilt Schweden als Musterbeispiel eines funktionierenden Wohlfahrtsstaats. Doch das Land hat seit mehreren Jahren steigende Probleme mit verarmten Stadtvierteln, die von hohen Migrantenanteilen und immer öfter auch bewaffneten Bandenkriegen geprägt sind. 2017 wurden mehr als 300 Schießereien mit insgesamt 41 Todesopfern gezählt - 2006 waren es noch 8 Tote.

Die Schießereien sind aber nur ein kleiner Ausschnitt der Probleme, mit denen diese Viertel zu kämpfen haben. Viele hier haben kaum noch Kontakt zur Außenwelt, und die Jugend, die hier heranwächst, droht zu einer verlorenen Generation zu werden. Wie konnte es passieren, dass sich im Musterland Schweden solche Gebiete entwickelt haben?

Erbe des Millionenprogramms
Die schwedische Polizei führt eine Liste von insgesamt 53 "exponierten Gegenden" im Land, die eine besonders hohe Armuts- und Kriminalitätsrate sowie starke Anzeichen einer Parallelgesellschaft aufweisen. Auch die Arbeit der Polizei gestaltet sich schwierig. "Wir haben mehrmals Angriffe auf Polizisten erlebt. Manchmal waren es Kinder, die die Polizisten mit Steinen bewarfen, aber manchmal auch eine größere Gruppe, die sogar Polizeiautos anzündete", erzählt Linda Staaf, die Leiterin der Nationalen Operativen Abteilung (NOA) der schwedischen Polizei. Teilweise würden auch Polizisten außer Dienst angegriffen. In manchen Gegenden seien die Beamten deshalb nie alleine unterwegs.

Die bekannteste "exponierte Gegend" ist das Problemviertel Rosengard in Malmö. Errichtet wurde Rosengard - wie auch der Großteil der anderen Problemviertel - in den 1960ern und 1970ern im Zuge des sogenannten Millionenprogramms der schwedischen Regierung. Ziel war es, binnen zehn Jahren eine Million neue Wohnungen zu bauen. Damals erlebte Schweden einen noch nie dagewesenen Wirtschaftsaufschwung, der Arbeitskräfte aus der ganzen Welt ins Land lockte. Viele von ihnen zogen in die neu errichteten, erschwinglichen Wohngegenden. Das führte jedoch zu einer Abschottung vom Rest der schwedischen Gesellschaft. Die einst modernen Plattenbauten des Millionenprogramms wurden seither vernachlässigt und sind heute stark verfallen. Wer es sich leisten kann, zieht weg. Übrig bleiben Problemviertel mit hoher Armutsquote und immer stärkerer sozialer Segregation. Ideale Voraussetzungen für Kriminalität und die Entwicklung einer Parallelgesellschaft.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-08-15 12:14:37
Letzte Änderung am 2018-08-15 16:14:32


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