• vom 08.09.2018, 11:30 Uhr

Europachronik

Update: 20.09.2018, 12:36 Uhr

Jakobsweg

Sie lassen ihn laufen




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  • Als Jugendlicher beging Marawan einen Raubüberfall. Statt ihn zu einer Haftstrafe zu verurteilen, schickte ein italienisches Gericht den jungen Mann auf den Jakobsweg.

- © Hans-JakobWeinz/flickr.com

© Hans-JakobWeinz/flickr.com

Marawan wandert auf dem Jakobsweg.

Marawan wandert auf dem Jakobsweg.© Lunghi Cammini Marawan wandert auf dem Jakobsweg.© Lunghi Cammini

Rom. Marwan ist wieder da. 85 Tage lang war er unterwegs, 1500 Kilometer legte er zu Fuß zurück, durchschnittlich 17 Kilometer am Tag. Es gibt Menschen, die das freiwillig machen. Für Marwan ist das nicht ohne weiteres zu behaupten. Vor 22 Jahren wurde er als Kind marokkanischer Einwanderer in Norditalien geboren, er hat in Wirklichkeit einen anderen Namen. Mit 15 verübte Marwan einen Raubüberfall. Erst jetzt wurde die italienische Justiz aktiv, sie entschied, den jungen Mann in Begleitung drei Monate lang auf dem Jakobsweg in Spanien marschieren zu lassen.

Er ist der erste jugendliche Straftäter in Italien, den man laufen ließ, damit er den richtigen Weg wieder findet. Marwan war skeptisch. "Wie soll das funktionieren, sich beim Marschieren zu verändern?", fragte er sich vor Beginn der Langstreckenwanderung in diesem Frühjahr. Irgendwann auf dem Weg habe er verstanden, dass ihm diese Erfahrung sehr nützlich sein könnte, erzählte er nach der Rückkehr.


Wanderung als Maßnahme
Wie in Deutschland sieht auch das italienische Jugendstrafrecht Erziehungsmaßregeln statt Strafen vor. Die Jugendlichen sollen so aus einem Teufelskreis entkommen, der sie oft dauerhaft an ein kriminelles Milieu bindet. In Anlehnung an positive Erfahrungen in Belgien und Frankreich, wo über 300 Jugendliche ein ähnliches Programm durchliefen, genehmigte das Jugendgericht Venedig nun erstmals in Italien eine Wanderung als erzieherische Maßnahme.

Nachdenken, überwinden
Von Sevilla ging es auf der Silberstraße über Santiago de Compostela bis nach Léon. Marwan marschierte mit Rucksack, seinem Begleiter Fabrizio Preo und eisernen Regeln bis zum Schluss. Fern von der Heimat und nur mit sporadischem Telefonkontakt, um Abstand zu gewinnen. "Das waren keine Ferien", versichert Nicoletta Zanon vom Verein Lunghi Cammini aus Mestre, der das Projekt in Italien startete und dank eines privaten Spenders auch selbst finanzierte. Auf etwa 30 000 Euro beziffert Zanon die Kosten. Logistik, Begleiter und ein Betreuungs-Team aus einem Psychologen und Sozialarbeitern, das aus Italien den Kontakt hielt, haben ihren Preis.

Marwans Wecker klingelte spätestens um 6.30 Uhr. Alkohol, Handy oder Kopfhörer waren verboten. Dafür musste Tag für Tag ein strenger Marschplan eingehalten werden, abends erwarteten die Wanderer oft unbequeme Nachtlager. Mit Fabrizio Preo, seinem 68 Jahre alten Begleiter, der wegen seiner Erfahrung mit als schwierig geltenden Jugendlichen unter verschiedenen Bewerbern ausgewählt worden war, standen regelmäßige Gespräche auf dem Programm. Der Sinn des Ganzen: Gehen, nachdenken, an seine Grenzen kommen, Momente der Schwäche überwinden, sich und seine Vergangenheit in Frage stellen, neue Perspektiven erkennen und echtes Selbstbewusstsein gewinnen.

"Es war ein Denklabor für mich", erzählte Marwan, der das Nachdenken nicht gewöhnt war und plötzlich drei Monate lang gezwungen wurde, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Ablenkungen, wie er sie früher kannte, gab es nicht. "Wichtig waren auch die spontanen Begegnungen auf dem Weg", berichtet Nicoletta Zanon. Jugendliche wie Marwan hätten oft konfliktbeladene Beziehungen zu Erwachsenen, etwa zu Eltern, Lehrern oder Ordnungskräften. Das Zusammentreffen mit fremden Wanderern brachte eine neue Komponente. "Man begegnet sich mit offenem, urteilsfreiem Blick und Empathie", sagt Zanon. So etwas kannte Marwan nicht.

Vertrauen wieder lernen
Ungewohnt war auch, dass Vertrauen nicht bestraft wurde. "Die Wanderer ließen ihre Rucksäcke oft unbeaufsichtigt", berichtete der 22-Jährige überrascht. Als er bemerkte, dass auch die eigene Herkunft nicht immer bestimmend oder ein Nachteil sein muss, sprach er irgendwann ohne Hemmungen von seinen marokkanischen Wurzeln. "Für den Jugendlichen war die Fernwanderung eine sehr nützliche Lebensschule", sagt Marwans Anwältin Carmela D’Anza. Der junge Mann absolviert nun ein Praktikum. Im November wird das Jugendgericht entscheiden, ob die Erziehungsmaßnahme erfolgreich war. Entscheidet das Gericht positiv, ist Marwans Führungszeugnis wieder unbefleckt und er steht möglicherweise vor einem echten Neuanfang.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-07 17:15:04
Letzte Änderung am 2018-09-20 12:36:17


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