• vom 12.09.2018, 18:21 Uhr

Europachronik


Festbahme

Österreichischer Journalist in türkischem Polizeigewahrsam




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • Student und Autor steht unter Terrorverdacht. Bundesregierung fordert Gründe für Verhaftung oder sofortige Freilassung.

Wien/Ankara. Im Fall des unter Terrorverdacht in der Türkei festgenommenen Österreichers hat Bundeskanzler Sebastian Kurz eine Konkretisierung der Vorwürfe durch Ankara gefordert. Sollte dies nicht möglich sein, müsse eine "sofortige Freilassung" erfolgen, sagte Kurz am Mittwoch in Wien. Zahlreiche Politiker und Kollegen erklärten sich solidarisch mit dem linksgerichteten Journalisten.

Vizekanzler Heinz-Christian Strache pflichtete Kurz nach dem Ministerrat bei. Außenministerin Karin Kneissl versprach dem seit drei Jahren in Ankara lebenden und dort Studierenden "jede notwendige Unterstützung". "Wir werden ihn nicht alleine lassen & darauf drängen, dass ihm sämtliche rechtsstaatlichen Mittel zur Verfügung stehen", schrieb sie auf Twitter. Auch EU-Abgeordnete stellten sich hinter den Österreicher. SPÖ-Mandatar Josef Weidenholzer schrieb an Erweiterungskommissar Johannes Hahn, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um die Freilassung des Mannes zu bewirken. "Österreichs Diplomatie ist auf allen Ebenen gefordert", betonte Weidenholzer. Der Grüne Abgeordnete Michel Reimon wies darauf hin, dass derzeit auch zwei österreichische Staatsbürger kurdischer Herkunft in türkischer Haft säßen. Die "neue Welle an Verhaftungen und Gewalt" widerlege auch das Argument, "EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei würden Erdogan zügeln. Die Verhandlungen sollen abgebrochen werden", so Reimon.


"Bundesregierung muss Bemühungen intensivieren"
Journalistenvertreter verlangten am Mittwoch die sofortige Freilassung des Österreichers. Die Bundesregierung müsse ihre diesbezüglichen Bemühungen "umgehend (. . .) intensivieren", betonte die Vorsitzende der Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier (GPA-djp), Barbara Teiber am Mittwoch.

"Herr Erdogan: Journalistische Recherchen über AKP und Kurden sind kein Verbrechen, sondern der Job von Journalisten - daher lassen Sie sofort unseren Kollegen frei", appellierte Präsident des Österreichischen Journalisten Clubs (ÖJC), Fred Turnheim, an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der sich mit dem Österreicher "eine neue Geisel geholt" habe.

Der freie Journalist war am Dienstag in der Früh gemeinsam mit zwei türkischen Kollegen in Ankara festgenommen worden.

Kneissl sagte nach dem Ministerrat, dass sie mit einem Haftprüfungstermin am Freitag rechne. Danach werde entschieden, ob Anklage erhoben wird. "Meinungs- und Pressefreiheit sind Grundrechte, Pfeiler der internationalen Ordnung", unterstrich die Ministerin. "Wir erwarten, dass die türkischen Behörden umgehend Gründe für die Haft vorlegen oder sofort freilassen." Eine Belastung der bilateralen Beziehungen erwartet sie nicht.

War im Umfeld der pro-kurdischen HDP aktiv
Der Österreicher befinde sich derzeit in einer Polizeistation, in der Terrorverdächtige bis zum Verhör untergebracht werden, sagte Kneissl. Er spreche perfekt Türkisch und habe einen türkischen Rechtsanwalt, der jederzeit Zugang zu seinem Mandanten habe. Sobald möglich, werde auch die Botschaft einen Haftbesuch durchführen.

Dem Mann gehe es "den Umständen entsprechend gut", berichtete auch das Magazin "re:volt", für das der junge Politikwissenschafter aus der Türkei berichtet hatte. Sein deutscher Kollege Ismail Küpeli sagte der Austria Presseagentur, dass er in eine Razzia gegen seine Universität "hineingeraten" sein könnte, die den türkischen Behörden schon länger ein Dorn im Auge sei. Es sei aber auch möglich, "dass er gezielt festgenommen wurde, um Druck auf Österreich auszuüben", so Küpeli, der den Mann unter anderem von einem gemeinsamen Buchprojekt kennt.

Küpeli rechnet mit einer Freilassung des Österreichers schon in wenigen Wochen oder Monaten, auch, weil die erhobenen Terrorvorwürfe absurd seien. Er sei nämlich nicht für die verbotenen Kommunisten tätig gewesen und habe auch nicht über die kurdische Terrororganisation PKK geschrieben. Vielmehr sei er "im Umfeld" der pro-kurdischen Parlamentspartei HDP aktiv gewesen, die aber nicht verboten sei.




Schlagwörter

Festbahme, Türkei, Journalist

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-12 18:30:04


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Entwurf "verheerend" für Schottland
  2. "Großbritannien bleibt unser Freund, Partner und Allierter"
  3. AfD gerät unter Druck
  4. Letzte Hürde für den Vertragsentwurf
  5. Theresa May laufen die Minister davon
Meistkommentiert
  1. Merkel warnt vor Rückkehr des Nationalismus
  2. Innenministerium bereitet Entlassung Maaßens vor
  3. Bundestagsverwaltung nimmt AfD-Parteispenden unter die Lupe
  4. Macrons europäische Friedensfeier
  5. Europas Agora

Werbung




Werbung