• vom 08.10.2018, 17:22 Uhr

Europachronik

Update: 08.10.2018, 20:06 Uhr

Treffen

Der allgegenwärtige Adnan Polat




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Von WZ-Korrespondentin Kathrin Lauer

  • Erdogan besucht gerade Orban in Ungarn. Einer der reichsten Geschäftsleute der Türkei hat den Grundstein dieser der Freundschaft gelegt.

Budapest. Am Dienstag traf der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zu einem zweitägigen Besuch in Budapest ein. "Ungarns Sicherheit steht im direkten Zusammenhang mit der Stabilität der Türkei", sagte Ungarns Premier Viktor Orban bei einer gemeinsamen Pressekonferenz. Da der Kampf gegen Terrorismus zu den Prioritäten beider Länder gehöre, sei die Zusammenarbeit mit der Türkei auch auf diesem Gebiet von besonderer Wichtigkeit, betonte Orban. Die Beziehungen der beiden Länder, die auf "Achtung basieren", sollen weiter verstärkt werden. Orban sicherte Erdogan erneut die Unterstützung Ungarns bei den EU-Beitrittsbestrebungen der Türkei zu.

Erdogan betonte die Bedeutung der Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen. Hinsichtlich der Migration erinnerte Erdogan daran, dass sich in der Türkei 3,5 Millionen syrische und 500.000 irakische Flüchtlinge aufhielten und die Türkei Hilfe erwarte von Europa und anderen Staaten der Welt.


Besiegelt werden soll die türkisch-ungarische Freundschaft mit einem Besuch am Grabmal des legendären Derwischs Gül Baba aus dem 16. Jahrhundert, als Budapest unter osmanischer Besatzung stand. Das Kulturdenkmal steht auf einem Hügel in Buda und wird von einer Stiftung verwaltet, die der Magnat Polat leitet. Es wurde mit ungarischen und türkischen Staatsmitteln renoviert, Erdogan soll das Objekt in neuem Glanz einweihen.

Geschäftlich verstrickt
Wenn Viktor Orban seinen Freund Recep Tayyip Erdogan trifft, den er unter anderem wegen dessen illiberaler Politik schätzt, ist eine diskrete, aber wichtige Person wohl nicht weit: Adnan Polat, einer der reichsten Geschäftsleute der Türkei, der offenbar den Grundstein der Freundschaft zwischen dem ungarischen Präsidenten und dem türkischen Staatschef gelegt hat. Polat ist inzwischen laut Berichten ungarischer Medien - darunter das investigative Portal atlatszo.hu und die Wochenzeitschrift "Magyar Narancs" - mit Orbáns Familie geschäftlich verstrickt.

Die Geschichte um Polat hat viel mit Orbans privater Fußballpassion zu tun. Sie reicht in Zeiten zurück, in denen der Chef der rechtsnationalen Partei Fidesz nach seiner ersten Amtsperiode als Regierungschef (1998-2002) in der Opposition war. Damals kämpfte Orban verzweifelt um sein politisches Comeback, das 2010 haushoch gelingen sollte.

Man schrieb das Jahr 2005, als Ungarns legendärer Fußballspieler und Trainer Kálmán Mészöly den ungarischen Politiker und den türkischen Oligarchen miteinander bekanntgemacht haben soll. Meszöly pflegt beste Beziehungen zu Istanbul. Der Sportler, der in den 1960er Jahren als Abwehrspieler des Budapester Arbeiterclubs Vasas SC seine sportliche Glanzzeit unter dem bewundernden Spitznamen "Der blonde Felsen" hatte, war nämlich von 1980 bis 1983 und 1985 Trainer der türkischen Nationalelf. Mészöly also brachte, wie er in seinen Memoiren schrieb, Orbán mit Polat zusammen, dem damaligen Präsidenten von Galatasaray Istanbul.

Seinem neuen ungarischen Freund zeigte der türkische Magnat gleich sein im Bau befindliches neues Fußballstadion. Nur wenige Jahre später wird Orban versuchen, ihm dies nachzutun, in seinem nordungarischen Heimatdorf Felcsút: Dort steht seit 2014 ein Stadion, erbaut aus Mitteln, die Oligarchen von der Steuer abschreiben durften - aufgrund eines von Orban durchgesetzten Gesetzes. Die Zahl seiner Zuschauerplätze ist doppelt so hoch wie die Einwohnerzahl von Felcsút.

Seither wuchsen die auf Ungarn bezogenen Geschäfte des heute 65 Jahre alten, drahtig wirkenden Polat. In Istanbul gehören ihm etliche Immobilien, darunter der 42-stöckige "Polat Tower" mit Büros, Läden und Appartements. Und zusammen mit Orbans Schwiegersohn Istvan Tiborcz habe Polat mehrere wertvolle Immobilien in Budapest besessen. Vor allem scheint Polat am Geschäft mit alternativer Energie in Ungarn interessiert zu sein, die Orban neben der Atomenergie fördern will. Kurz nach der letzten Parlamentswahl habe Polat nach Informationen der Zeitschrift "Heti Válasz" sieben kleine Sonnenenergie-Kraftwerke gekauft.




Schlagwörter

Treffen, Orban, Fußball, Adnan Polat

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-08 17:33:33
Letzte Änderung am 2018-10-08 20:06:33


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