• vom 11.10.2018, 09:00 Uhr

Europachronik


Baby-Diebstahl

"Sie verkauften unsere Tochter wie ein Tier"




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Von WZ-Korrespondent Manuel Meyer

  • Unter Franco begann der systematische Kinderdiebstahl in Spanien. Doch die Praxis reichte bis weit in die 1990er Jahre.

Menschen demonstrieren im Juni 2018 in Madrid: Auf dem Schild steht "Menschenrechte für gestohlene Babies". Während des Franco-Regimes wurden tausende Babies von ihren Müttern gestohlen. - © APAweb, afp, Oscar del Pozo

Menschen demonstrieren im Juni 2018 in Madrid: Auf dem Schild steht "Menschenrechte für gestohlene Babies". Während des Franco-Regimes wurden tausende Babies von ihren Müttern gestohlen. © APAweb, afp, Oscar del Pozo

"Ich suche meine Tochter", steht auf dem Plakat von Rosa Corrales Sánchez und ihrem Mann Manuel.

"Ich suche meine Tochter", steht auf dem Plakat von Rosa Corrales Sánchez und ihrem Mann Manuel.© Meyer "Ich suche meine Tochter", steht auf dem Plakat von Rosa Corrales Sánchez und ihrem Mann Manuel.© Meyer

Málaga. Traurig, überrascht, empört. Eigentlich weiß Rosa Corrales Sánchez gar nicht, wie sie auf den polemischen Freispruch reagieren soll, mit dem am Montag in Madrid der erste Prozess im sogenannten "Babyraub-Skandal" zu Ende ging.

Klägerin war die 1969 geborene Spanierin Inés Madrigal, die ihrer leiblichen Mutter direkt nach der Geburt weggenommen und illegal einer anderen Familie zur Adoption übergeben wurde. Mit 18 Jahren erfuhr Madrigal, dass sie adoptiert sei. Doch erst 2010 schöpfte sie Verdacht, sie sei ihrer leiblichen Mutter gestohlen worden, und erstattete 2012 Anzeige. Das Gericht sprach den pensionierten Frauenarzt Eduardo Vela zwar wegen Urkundenfälschung, Freiheitsberaubung und illegaler Adoption schuldig. Die Vergehen des mittlerweile 85-Jährigen seien allerdings verjährt.

Das Zertifikat der angeblichen Beerdigung des Babys.

Das Zertifikat der angeblichen Beerdigung des Babys.© Meyer Das Zertifikat der angeblichen Beerdigung des Babys.© Meyer

"Der Mann hat ein Kind gestohlen und es weiterverkauft! Wie kann solch ein Verbrechen verjähren?", fragt Rosa ungläubig, die das Urteil mit ihrem Mann Manuel in den Fernsehnachrichten am Montag verfolgte. Der Fall geht der 77-jährigen Mutter aus dem südspanischen Málaga sehr nahe. Denn auch ihr wurde eine Tochter gestohlen.


Es sind bereits 53 Jahre vergangen. Aber Rosa erinnert sich noch, als wäre es gestern passiert. Es geschah einen Tag vor dem Heiligen Abend. Ihre Tochter kam am 23. Dezember 1965 um 11.50 Uhr im Krankenhaus Carlos Haya in Málaga zur Welt. "Es war eine ganz normale Geburt. Doch die Hebamme, eine Ordensschwester, nahm meine Kleine sofort mit, ohne sie mir überhaupt zu zeigen. Ich bettelte, sie wenigstens kurz halten zu dürfen."

Rosa war irritiert. Bei ihren ersten beiden Geburten wurden ihr die Kinder immer sofort auf die Brust gelegt. Die Ordensschwester wollte wissen, ob sie bereits Kinder habe, und sagte Rosa, sie solle doch glücklich sein, bereits zwei zu haben. Andere Eltern könnten gar keine bekommen. Rosa bestand darauf, ihre neugeborene Tochter sehen zu können. Doch plötzlich sagte ihr die Hebamme, das Baby habe eine Kopfverletzung und müsse sofort zur Untersuchung in einen anderen Raum gebracht werden.

Am nächsten Tag drangen ihr Mann Manuel und die Schwiegermutter darauf, das Mädchen zu sehen. "Der Arzt sagte uns, sie habe die Kopf-Operation nicht überlebt, und zeigte uns ein eingefrorenes Kind, das aber nicht unsere Tochter sein konnte", meint der heute 79-Jährige. Ihm kommen immer noch Tränen, wenn er an diesen Moment zurückdenkt.

"Man zeigte uns eine Kinderleiche mit dunklen Haaren. Dabei hatte Rosa im Kreißsaal die Hebamme sagen hören, welch blondes Haar unsere Tochter habe. Außerdem hatte diese Kinderleiche keine Zeichen einer Kopf-Operation. Sie war zudem schon ganz schwarz, weil der Körper wohl lange in dem Kühlschrank lag."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-10 17:48:46
Letzte Änderung am 2018-10-10 18:24:35


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