• vom 10.08.2015, 17:37 Uhr

Europäische Union

Update: 10.08.2015, 19:45 Uhr

Flüchtlinge

Am Tor zum Paradies




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Von WZ-Korrespondentin Judith Kormann

  • Im französischen Calais hausen knapp 3000 Menschen in Behelfsunterkünften. Ihr Ziel ist England.

Ausharren in der Baracke: Migranten im "Dschungel" in Calais.

Ausharren in der Baracke: Migranten im "Dschungel" in Calais.© ap/Emilio Morenatti Ausharren in der Baracke: Migranten im "Dschungel" in Calais.© ap/Emilio Morenatti

Calais. Er ist etwa 18 Hektar groß, Calais "neuer Dschungel". Doch statt Bäumen beherbergt die ehemalige Müllkippe ein Dickicht von Zelten. Notdürftige Unterkünfte, zusammengezimmert aus Holzbrettern, Ästen und Plastikplanen, dienen den Menschen als Behausung. Alle paar Meter türmen sich Müllberge: zerfetzte Kleidung, Essensreste, Plastikflaschen und Dosen. Ein Wall aus Gestrüpp verdeckt Anwohnern der umliegenden Grundstücke die Sicht auf das Gelände.

Hier, etwa sieben Kilometer vom Zentrum der nordfranzösischen Stadt entfernt leben knapp 3000 Migranten. Die überwiegende Mehrheit kommt aus Krisenregionen: aus Eritrea, Afghanistan, dem Irak, dem Sudan und Syrien. Auf ihrer Odyssee durch Europa landen sie in Frankreich. Doch die wenigsten wollen hier bleiben. Für sie ist Frankreich nur ein Transitland, genau wie Italien oder Griechenland. Und Calais die letzte Station vor dem begehrten Ziel: Großbritannien.


Jeden Abend legen hunderte der Flüchtlinge den zweistündigen Fußmarsch vom "Dschungel" bis zum Eurotunnel zurück, versuchen, die Absperrung zu überwinden und auf die andere Seite des Ärmelkanals zu gelangen. Sie verstecken sich auf den Ladeflächen, in und unter den Fahrzeugen, die mit dem Zug übersetzen. Elf Menschen sind seit Anfang Juni bei dem Versuch gestorben.

Denn das Unterfangen ist gefährlich. Und das vermeintliche Eldorado Großbritannien öffnet seine Grenzen nicht bereitwillig. Etwa tausend französische und britische Sicherheitskräfte patrouillieren in Calais, um die Migranten an der Überfahrt zu hindern, oft unter Einsatz von Tränengas und Schlagstöcken. Den Hafen der Stadt umgibt seit Ende 2014 ein meterhoher Stacheldrahtzaun.

Gegen 10 Uhr morgens erwacht der "Dschungel" zum Leben. Fahrzeuge von Hilfsorganisationen rollen an. Sie werden bereits von den Flüchtlingen erwartet. Viele tragen dicke Jacken und Wollmützen. In der Nacht wird es kalt. Und die Zelte bieten nur bedingt Schutz. Vor einer langen Schlange verteilen die Helfer Essenspakete. "Wir versuchen, mehrmals wöchentlich Lebensmittel auszugeben. Aber der Bedarf ist zu groß, uns fehlen die Mittel", erklärt François von der Hilfsorganisation "L’Auberge des Migrants" ("Herberge für Migranten"). Wie viele seiner Kollegen ist er überzeugt, dass Frankreich in Calais seine Fürsorgepflicht verletzt. "Der Dschungel ist ein Elendsviertel, genehmigt vom französischen Staat", pflichtet Jean-François Corty, Einsatzleiter der Hilfsorganisation Médecins du Monde (Ärzte der Welt) in Frankreich, bei.

Helfer sind mit der Zahl der Flüchtlinge überfordert
Entstanden ist das Flüchtlingslager im März 2014. Um die wilden Camps in und um die Stadt auf einen Ort zu konzentrieren, siedelte der Staat über Nacht hunderte Flüchtlinge in das Terrain um. Auf dem Gelände öffnete das Tageszentrum Jules Ferry. Dort bekommen die Migranten eine warme Mahlzeit, können sich duschen und Toiletten benutzen. Auch medizinische Erstversorgung wird geleistet. Doch das Zentrum ist nur acht Stunden täglich geöffnet und das Personal mit der Zahl der Flüchtlinge überfordert. Anfang Juli veröffentlichte die französische Menschenrechtskommission CNCDH einen alarmierenden Bericht, der die "katastrophalen Umstände" in Calais anprangert. Zugleich rief Médecins du Monde zu einer Notoperation im Flüchtlingslager auf.

"Die Zustände waren schockierend. 3000 Menschen standen nur drei Wasserhähne zur Verfügung. Sie hatten nicht einmal Gefäße, um Trinkwasser zu holen," bestätigt Thierry Benlahsen, Einsatzleiter der NGO Solidarité Internationale (Internationale Solidarität), die sich an der Operation beteiligt. Die Organisation ist auf die Einrichtung von Sanitäranlagen und Trinkwasserversorgung spezialisiert und operiert üblicherweise nur in Krisengebieten wie Syrien, dem Sudan oder Afghanistan. Benlahsen sieht in den Bedingungen vor Ort einen massiven Verstoß gegen die Kriterien für Migrantenunterkünfte, die das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge vorschreibt.

Mittlerweile hat Solidarité Internationale 15 Latrinen und ein Dutzend Duschen in Camp aufgebaut. Dennoch müssen die Flüchtlinge stundenlang anstehen. Viele von ihnen waschen sich an Wasserhähnen am Wegrand. Andere bauen sich ihre eigenen Duschen. Der Sudanese François wäscht sich unter einem Gestell aus mit Plastikplanen überdeckten Zweigen. Seinen richtigen Namen will er nicht nennen, er will kein Foto von sich in den Medien. "Ich erzähle meiner Familie, dass es mir hier in Europa gut geht. Sie wären entsetzt, wenn sie mich so sehen würden", so der 30-Jährige. Das Team von Médecins du Monde betreut täglich um die 60 Patienten. "Die Menschen kommen mit Haut- und Atemwegsinfektionen, Krankheiten, die in Elendsviertel aus mangelnder Hygiene entstehen", so Jean-François Corty. Auch psychische Traumata und Knochenbrüche seien häufig.

Tatsächlich sieht man in dem "Dschungel" auffällig viele Menschen mit eingegipsten Armen oder Beinen - Verletzungen, die bei den Fluchtversuchen nach Großbritannien entstehen. "Ich bin von einem Laster gefallen", erzählt der Äthiopier David. Er sitzt mit blauem Gipsbein im Schatten seiner Hütte. Sobald die Verletzung verheilt ist, will er sein Glück erneut versuchen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-08-10 17:41:08
Letzte Änderung am 2015-08-10 19:45:57


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