Wien/Brüssel. Spricht Othmar Karas über die Europäische Union, bemüht er gern die Haus-Metapher. "Die EU ist ein nicht fertiggestelltes Haus", sagt der österreichische EU-Abgeordnete, "es muss weitergebaut werden." Mit der Abstimmung über den EU-Austritt Großbritanniens sind vergangene Woche wohl gleich mehrere Ziegelsteine aus der Fassade gefallen. Gleichzeitig schreitet die europäische Integration voran.

So befindet sich etwa Serbien auf dem Weg Richtung EU. Schon jetzt hat das Land am Westbalkan einen starken Außenhandel mit der EU, Österreich ist nach Deutschland der zweitgrößte Handelspartner. Mit einem prognostizierten Wirtschaftswachstum von zwei Prozent für 2016 und einem Durchschnittseinkommen von gerade einmal 400 Euro im Monat ist es kein Wunder, dass Investoren sich für Serbien interessieren. "Für Investoren gibt es nicht nur den europäischen Markt", sagt Gabriel Lansky, dessen Anwaltskanzlei Lansky, Ganzger + Partner diese Woche zu einer Konferenz über die Beitrittsverhandlungen mit Serbien geladen hat. Europa stehe in Konkurrenz mit Standorten mit "einfachen Entscheidungsstrukturen", es sei wichtig, Europas Position im Wettbewerb zu festigen. Und Serbien habe das Potenzial zum "Tigerstaat Europas".

Bereits im Jahr 2019 will Belgrad bereit für die EU sein, verkündete Premier Aleksandar Vucic Ende 2015 nach der Eröffnung der ersten Verhandlungskapitel. Es dauerte nicht lange, bis Kroatien sein Veto einlegte: Im April blockierte Zagreb die Öffnung von Kapitel 23 zu Justiz und Grundrechten. Das liegt vor allem an einem serbischen Gesetz zur Verfolgung von Kriegsverbrechern: Sie können auch für Taten verfolgt werden, die außerhalb Serbiens begangen wurden. Dass sich die Beziehungen Belgrads zu Zagreb - eben wieder bildhaft geworden durch die Ankündigung Kroatiens, einen Zaun an der Grenze zu Serbien zu bauen - aber auch dem Kosovo "normalisieren" müssen, räumt auch Karas ein. Er ist dennoch überzeugt, dass die Kapitel 23 und 24 schon im Herbst angegangen werden können.

Doch auch Korruption, mangelnde Pressefreiheit und eine schwache Justiz könnten die Verhandlungen mit der EU bremsen. All das spiele eine tragende Rolle, sagt Karas: "Wir müssen strenger werden, die Toleranzgrenze geringer." Mache die EU ihre Werte und Prinzipien auch gegenüber Staaten wie Ungarn und Polen nicht klarer deutlich, "dann geht uns die Zustimmung der Bürger für weitere Integrationsschritte verloren".

In Serbien selbst ist von der Euphorie über einen EU-Beitritt wenig zu spüren. Zwar gibt ein Großteil der Bevölkerung an, Teil der Union sein zu wollen. Doch im Vergleich zu den Vorjahren sank heuer die Zustimmung in der Bevölkerung - und der russische Präsident Wladimir Putin genießt von allen ausländischen Politikern das größte Vertrauen. Es bleibt abzuwarten, ob die Bevölkerung Serbiens überhaupt ins Europäische Haus einziehen will.