• vom 27.12.2016, 16:02 Uhr

Europäische Union

Update: 28.12.2016, 12:47 Uhr

Griechenland

"Hier verrecken Kinder"




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Von WZ-Korrespondent Ferry Batzoglou

  • Österreichische Hilfsorganisation versorgt Arbeitslose und Menschen in bitterster Armut mit dem Nötigsten.

Gründer Erwin Schrümpf (Bild rechts unten, links mit Sonnenbrille) bei der Essensausgabe. - © Ferry Batzoglu

Gründer Erwin Schrümpf (Bild rechts unten, links mit Sonnenbrille) bei der Essensausgabe. © Ferry Batzoglu



Griechenlandhilfe in Aktion.

Griechenlandhilfe in Aktion.
© Ferry Batzoglu Griechenlandhilfe in Aktion.
© Ferry Batzoglu

Athen. Der graue Ford Transit, übersät mit Aufklebern, Salzburger Kennzeichen, ist schräg auf dem Bürgersteig geparkt. Im totalen Halteverbot. Der Fahrer hat ein paar Meter weiter in einem Café zum ersten Gespräch geladen. Sein Blick schweift über den Athener Verfassungsplatz, mitten in der zu dieser Tageszeit maximal pulsierenden, lärmerfüllten Vier-Millionen-Metropole. Dennoch bleibt er ganz gelassen. Denn er weiß: Einen Strafzettel wird er nicht kassieren. Erwin Schrümpf, 53, aus Seekirchen am Wallersee, braungebranntes Gesicht, schlank, abgetragene Jeans, der Krawatten genauso zu meiden scheint wie der Teufel das Weihwasser, zieht an seiner Zigarette. "Man kennt mich", sagt er lapidar. "...wenn die Krise Kinderopfer fordert", steht demonstrativ auf der Heckklappe seines Ford. Damals, das sei "schon ein bisserl her", habe er eine Fernsehreportage der ARD über Griechenland gesehen, erinnert sich Schrümpf.

In dem Film wurde eine schwangere Frau gezeigt, deren Baby im Bauch starb, weil es in der Elpis-Klinik, einem großen Spital in Athen, an allen erdenklichen Dingen fehlte. "Ich dachte mir: ‚Wie bitte? Das kann nicht sein! Im Europa des 21. Jahrhunderts darf so etwas doch nicht passieren!‘" Schrümpf rief kurzerhand das Spital in Athen an und fragte den Chefarzt, was er denn so alles brauche. Schrümpf klapperte Pharma-Unternehmen ab, er bat um Sachspenden. Bald fuhr er mit der ersten Hilfslieferung nach Griechenland. Das war Anfang 2012. Prompt gab er sein gut gehendes Geschäft mit EDV-Zubehör in der Heimat auf und gründete einen Verein für humanitäre Hilfe in Griechenland: die Griechenlandhilfe. Heute ist der Verein auf mehr als 40 Mitarbeiter - auch in der Schweiz und Deutschland - angewachsen.

Griechen können sich keine Medikamente mehr leisten

Ob Infusionsnadeln, Verbandsmaterial, Medikamente oder Babynahrung: Während die Griechenlandhelfer im Jahr 2013 noch etwa 17 Tonnen medizinisches Material nach Hellas transportierten, waren es im Jahr 2015 bereits einhundert Tonnen Hilfsgüter. Eine Herkulesleistung. Sogar Krankenwagen wurden schon für den chronisch klammen Rettungsdienst in Athen gespendet.

90.000 Kilometer fuhren dafür Schrümpf und Co. quer durch halb Europa, 55.000 Kilometer legten sie auf See zurück. Sie haben eine Homepage im Internet, betreiben eine Facebook-Seite, versenden regelmäßig Newsletter und haben 5000 Flyer verteilt.

Im vorigen Jahr verrichteten die Griechenlandhelfer so 8547 ehrenamtlich geleistete Arbeitsstunden. Die Tendenz heuer: steigend. Das hat einen guten Grund: Die Not in Griechenland bleibt, gelinde gesagt, groß. Schrümpf ist sich sogar sicher: "Die Lage wird immer schlimmer." Unterdessen betreut die Griechenlandhilfe dutzende Projekte in Athen, in Patras, auf Lesbos oder anderswo: Sie beliefert vor allem Waisenhäuser, Behindertenheime, Sozialkliniken und Krankenhäuser.

Zum Beispiel in Daphni, in einem dichtbesiedelten Athener Vorort. Hier ist die desaströse Griechenlandkrise überall zu sehen. Menschen suchen am helllichten Tage im Müll nach Essbarem, an den Schaufenstern unzähliger Geschäfte prangen gelbe Aufkleber mit der knallroten Aufschrift "Poleitai" ("Zu verkaufen") oder "Enoikiazetai" ("Zu vermieten"). Ausverkauf auf Griechisch.

In einer ruhigeren Seitenstraße befindet sich Daphnis kommunale Sozialambulanz. Hilfsbedürftige erhalten hier Medikamente, aber auch Windeln oder Pflaster.

Elena und Penelope arbeiten schon seit Jahren hier. Für die jungen Griechinnen ist Erwin Schrümpf einfach nur "ein guter Mensch". Elena macht eines der vielen Pakete auf, das Schrümpf mitgebracht hat. Wieder einmal. "Er weiß genau, was wir brauchen", sagt sie lächelnd.

Auch Versicherte erhalten "keine angemessene Leistung"

Wer glaubt, die stetig wachsende Zahl der Niedrigrentner seien die Problemfälle Nummer eins in puncto Gesundheitsversorgung in Griechenland, der irrt gewaltig. Sagenhafte neunzig Prozent der Arbeitslosen in Griechenland müssen laut offiziellen Angaben auf jegliche staatliche Unterstützung verzichten. Die unweigerliche Folge: Zu Weihnachten und Neujahr muss das Gros der Griechen ohne Job auch ohne Geld in der Tasche auskommen. Hintergrund: Das Arbeitslosengeld wird in Griechenland höchstens ein Jahr lang gezahlt - und dies sind auch nur 360 Euro im Monat. Danach gibt es für ein weiteres Jahr eine monatliche Unterstützung in Höhe von 200 Euro. Wer länger ohne Arbeit bleibt, geht völlig leer aus. Gegenwärtig gibt es in Griechenland mehr als 350.000 Familien, in denen kein Mitglied mehr eine Arbeit hat. Die Arbeitslosenquote betrug per Ende September gut 23 Prozent. Dies ist der höchste Wert in der EU.

Mehr als 1,2 Millionen Griechen und Griechinnen sind erwerbslos. Davon sind rund 800.000 mehr als ein Jahr lang ohne Arbeit. Besonders die jungen Griechen sind von der Massenarbeitslosigkeit betroffen. In der Altersgruppe bis 24 Jahre sind knapp 47 Prozent ohne Job.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-12-27 16:05:05
Letzte nderung am 2016-12-28 12:47:57



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