Brüssel. (wak) Die EU will bis 2020 mindestens 20 Milliarden Euro in die Entwicklung künstlicher Intelligenz (Artificial Intelligence/AI) investieren. Das Geld soll aus öffentlichen und privaten Quellen kommen, teilte die EU-Kommission am Mittwoch in Brüssel mit. EU-Kommissionsvize Andrus Ansip verglich die von künstlicher Intelligenz ausgehende weltweite Transformation mit der Dampfmaschine und der Elektrizität.

Doch für Beobachter ist klar: Die EU hat sich viel Zeit gelassen. Lange Jahre waren die USA absolut unangefochtener Spitzenreiter bei der Entwicklung der künstlichen Intelligenz. 2012 - vor sechs Jahren, was einer halben Ewigkeit in Sachen technologischer Entwicklung entspricht - hat das Google-Zukunftslabor Google Brain Project 16.000 Mikroprozessoren darauf angesetzt, Algorithmen zu errechnen, die daraufhin selbständig lernen können, eine Katze zu identifizieren. Ein Jahr später konnte Software programmiert werden, die menschliche Gesichter unterscheiden konnte.

Im Sommer 2017 hat wiederum China die offizielle Politik verlautbart, bis 2030 weltweit führendes Innovationslabor in Sachen künstlicher Intelligenz werden zu wollen. Der Ankündigung folgte ein Investment nach dem anderen. Zuletzt wurde der Bau eines AI-Technologie-Parks außerhalb von Peking angekündigt, Kostenpunkt umgerechnet 1,73 Milliarden Euro, allein für die Errichtung des Zentrums.

In den Vereinigten Staaten wird das mit Sorge quittiert, hat doch die US-Regierung im Jahr 2016 insgesamt nur 0,9 Milliarden Euro in AI-Forschung gesteckt. Das sind die Zahlen, die die Welt beschäftigen. Denn für viele Experten ist eine knappe Milliarde Euro etwas wenig.

Und nun erklärt die EU-Kommission, im Rahmen des Forschungsprogramms "Horizon 2020" sollen etwa in den kommenden zwei Jahren 1,5 Milliarden Euro in die AI-Forschung gesteckt werden. Zusätzlich sollen diese 1,5 Milliarden Euro könnten um weitere 500 Millionen Euro aufgestockt werden - aus den Töpfen des Europäischen Fonds für Strategische Investitionen (EFSI), dem sogenannten Juncker-Fonds. Diese zwei Milliarden Euro sollen den Boden bereiten für zusätzliche private Gelder. Konkret etwa 2,5 Milliarden könnten in Vehikeln der "öffentlichen-privaten Partnerschaften" aufgebracht werden. Das könnte etwa in den Bereichen "Big Data" und "Robotics" passieren, erklärte die EU-Behörde. Begleitet werden diese Entwicklungen mit der Erstellung eines Regelwerks: Bis Jahresende will die Kommission Ethik-Richtlinien zur Entwicklung von AI vorlegen, die Grundsätze des Datenschutzes und der Transparenz widerspiegeln sollen.

Das EU-Land Frankreich hat erst Ende März angekündigt, alleine 1,5 Milliarden Euro öffentlicher Gelder - also praktisch der Betrag, den die EU-Kommission nun lockermacht - in die AI-Forschung zu stecken. Das Geld soll während der Amtszeit von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron fließen.

Auch Österreichs Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) hat bereits angekündigt, sie wolle während der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft im kommenden Halbjahr einen Schwerpunkt auf künstliche Intelligenz legen. So könnten Industrien, die nach Asien abgewandert seien, nach Europa zurückgeholt werden. Unternehmen, die in das Thema künstliche Intelligenz und Robotics investierten, seien weiter vorne und international wettbewerbsfähiger, sie würden auch mehr Jobs schaffen, erklärte Schramböck.

Der internationale Thinktank IDC hat zuletzt - vor der Ankündigung der EU-Kommission - prognostiziert, dass 2018 die globalen Investitionen in AI 19,1 Milliarden Dollar ausmachen werden - eine Verdoppelung des Vorjahresniveaus.

Und was tun mit der künstlichen Intelligenz, abseits von Gesichtserkennung und selbstfahrenden Autos? Vergangene Woche hat Singapurs staatliche Universität, die Nanyang Technology University (NTU) einen weiteren AI-Durchbruch erzielt: Nach drei Jahren des Programmierens eines Roboters schaffte es dieser, einen Ikea-Stuhl innerhalb von 20 Minuten zusammenzubauen.