Trafalgar Square, 23. Juni 2016. Der Tag des Brexit-Votums. In weiten Teilen des Landes regnete es in Strömen. Später wurde diskutiert, ob die Abstimmung vom Wetter entschieden wurde. - © Michael Schmölzer
Trafalgar Square, 23. Juni 2016. Der Tag des Brexit-Votums. In weiten Teilen des Landes regnete es in Strömen. Später wurde diskutiert, ob die Abstimmung vom Wetter entschieden wurde. - © Michael Schmölzer

London. (dpa) Am Tag des Brexit-Referendums am 23. Juni 2016 regnete es in vielen Teilen Großbritanniens in Strömen. "We are out" - "Wir sind raus", verkündete nach Auszählung der Stimmen BBC-Moderator David Dimbleby am nächsten Morgen im Fernsehen. Das Ergebnis war so knapp, dass ernsthaft darüber diskutiert wurde, ob die historische Volksabstimmung vom Wetter entschieden wurde.

Die Brexit-Anhänger hatten mit 52 zu 48 Prozent gewonnen. Die EU-Gegner seien entschlossener als die Befürworter, hieß es - sie hätten sich nicht vom Regen abhalten lassen.

Von Reue keine Spur


Die ungefähr gleichmäßige Aufteilung der britischen Wähler in EU-Gegner und EU-Befürworter hat sich auch zwei Jahre nach dem Referendum kaum geändert. Von Reue oder Einsicht - keine Spur. Ein leichter Vorteil für die EU-Befürworter in aktuellen Umfragen ist Experten zufolge auf Bewegung bei Nichtwählern zurückzuführen. Und das, obwohl die Frustration über die schleppenden Brexit-Gespräche wächst. Doch die Schuld dafür sehen viele Brexit-Anhänger bei Brüssel.

"Ich bin durch die ganze Vorgehensweise der EU jetzt noch überzeugter als vorher", sagt Michael Macey. Der 69 Jahre alte Organist sitzt kurz vor dem zweiten Jahrestag des historischen Votums in der Sakristei einer Kirche im Arbeiterviertel Abbey Wood am östlichen Rand der britischen Hauptstadt. Im Gemeindesaal der Kirche war am Tag der Volksabstimmung ein Wahllokal eingerichtet - Macey und die Mehrheit der Wähler in Abbey Wood haben, anders als die meisten Londoner, für den Brexit gestimmt.

Die Hoffnung, Brexit-Wähler würden sich durch den komplizierten Austrittsprozess eines Besseren belehren lassen, bezeichnet der Politikwissenschafter John Curtice von der Universität Strathclyde in Glasgow daher als "fundamental falsch". Je mehr man sie davon überzeugen wolle, wie schwer es sei, die EU zu verlassen, desto mehr seien sie in ihrer ursprünglichen Haltung bestärkt, sagt Curtice.

Doch umgekehrt gilt das womöglich auch: Allen Aufrufen zur Einigkeit von Premierministerin Theresa May zum Trotz sind diejenigen, die in der EU bleiben wollten, ihrer Meinung treu geblieben. "Alles, was seit dem Votum geschehen ist, hat mich nur darin bestätigt, dass das ein fürchterlicher, fürchterlicher Fehler ist", sagt Derek Robinson. Der 75-Jährige ist einer von zwei anglikanischen Priestern in Abbey Wood und glühender Europäer. Mit dem Brexit-Anhänger Macey arbeitet er eng und gut zusammen, doch beide geben zu, dass sie privat mit niemandem von der jeweils anderen Seite zu tun haben. "Es ist eine Situation des ‚die und wir‘", sagt Father Derek. "Und ich glaube nicht, dass sich das ändert."