• vom 19.07.2018, 16:03 Uhr

Europäische Union

Update: 19.07.2018, 16:20 Uhr

EU-Austritt

"Exit vom Brexit ist wohl unmöglich"




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Von Thomas Seifert

  • Keynes-Biograf Robert Skidelsky über die Reform der Eurozone und die nächsten Schritte im Brexit.

Robert Skidelsky beim Interview in einem Büro in der Arbeiterkammer Wien. - © Thomas Seifert

Robert Skidelsky beim Interview in einem Büro in der Arbeiterkammer Wien. © Thomas Seifert




© Thomas Seifert © Thomas Seifert

"Wiener Zeitung": Herr Skidelsky, was halten Sie von den Reform-Vorschlägen von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron für die Eurozone?

Robert Skidelsky: Reformideen gibt es viele. Man könnte sich zum Beispiel darauf einigen, dass ein Transfersystem ins EU-Budget eingebaut wird. So etwas hätte einen antizyklischen Effekt und man könnte Geld an Staaten transferieren, die asymmetrischen Schocks ausgesetzt sind. Aber derzeit erlauben die europäischen Verträge ein derartiges Vorgehen nicht. Ein zweiter Gedanke: Ein europäischer Währungsfonds. Der Vorschlag existiert ja bereits eine ganze Weile. Es gibt aber eine Menge offener Fragen: Wie groß soll dieser Währungsfonds dimensioniert werden? Zu welchen Konditionen gibt es dort Geld? Wird Deutschland auf ein Vetorecht bestehen, denn schließlich wird es Großteils deutsches Geld sein, dass von diesem Fonds vergeben werden wird? All diese Fragen sind ungelöst.

Information

Robert Skidelsky (geb. 1939 in Harbin, China) ist ein britischer
Wirtschaftshistoriker, der für seine dreibändige Biographie über den Ökonomen John Maynard Keynes bekannt geworden ist. Skidelsky ist seit dem Jahr 1991 Mitglied des House of Lords und spricht sich für eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte aus. Skidelsky war auf Einladung
der Arbeiterkammer in Wien.

Sie sind Biograf des Ökonomen John Maynard Keynes. Was hätte einer der bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts vorgeschlagen?

Für Keynes waren Krisen in einer Marktwirtschaft nichts Ungewöhnliches. Wenn man Volkswirtschaften nicht vernünftig managed, dann erreichen Sie nie ihr volles Potenzial. Leider gibt es Politiker und Ökonomen, die glauben, eine Marktwirtschaft wird sich schon an der natürlichen Arbeitslosenrate stabilisieren - sie glauben, dass der Markt immer zur Balance finden wird. Keynes würde einen möglichst breiten Werkzeugkoffer vorschlagen, um große Fluktuationen möglichst zu verhindern - und wenn das nicht geht - zu dämpfen. Und in jedem Fall würde er Maßnahmen vorschlagen, um möglichst rasch aus einer Situation der Malaise herauszukommen. Am ehesten würde er zu Fiskal-Instrumenten raten, monetäre Instrumente sind für so etwas nicht gut geeignet. Mit monetären Tools kann man zwar mittels Zinserhöhung eine Volkswirtschaft in eine Depression zu stürzen und zum Beispiel die Inflation drücken - aber das ist mit enormen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kosten für diese Volkswirtschaft verbunden. Was man in der Eurozone gemacht hat, um die Ungleichgewichte wieder ins Gleichgewicht zu bringen, war sogenannte interne Abwertung. Das hat im Fall von Griechenland etwa bedeutet, dass Löhne und Pensionen gesunken sind - und das bei steigenden Preisen.

Wie kann man die Leistungsbilanzunterschiede in der Eurozone in den Griff bekommen?

Die Überschussländer müssen über einen bestimmten Zeitraummehr ausgeben, sie müssen Budgetdefizite in Kauf nehmen. Eine zweite Maßnahme wäre, die Löhne in den Überschussländern zu erhöhen - nach der Theorie würde das die Nachfrage ankurbeln und so die Konjunktur stützen. Ideal wäre beispielsweise ein Urlaub einer deutschen Familie in Griechenland. Was die Defizitländer betrifft: Sie haben alles getan, was man von ihnen verlangt hat. Nicht nur Griechenland hat einen fürchterlichen Preis für die Austeritätspolitik - Stichwort: Jugendarbeitslosigkeit - bezahlt. Keynes hätte dazu gesagt: Wir haben die junge Generation Europas auf dem Altar der Hochfinanz geopfert. Und Keynes hat einmal gesagt, unser System wird von Menschen gesteuert, die in den lichten Höhen der Finanz-Tempel leben, von denen sie nie herunterblicken, sondern nur ihresgleichen sehen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-19 16:11:11
Letzte Änderung am 2018-07-19 16:20:09


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