• vom 05.09.2018, 08:00 Uhr

Europäische Union

Update: 05.09.2018, 11:10 Uhr

EU-Arbeitsmarkt

Europas Osten holt auf




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Auch das führt dazu, dass im Osten Unternehmen und Auslandsinvestoren Klagen über Facharbeiter-Mangel erheben. So bedauert der Präsident der Deutsch-Slowakischen Industrie- und Handelskammer, Jürgen Knie, dass es in fast jeder Branche schwierig sei, Mitarbeiter zu finden. "Das ist das größte Wachstumshemmnis, das wir derzeit haben." Arbeitskräfte aus Nicht-EU-Staaten verrichten jetzt vermehrt einfache manuelle Tätigkeiten. Die Belegschaft im Werk des britischen Investors Jaguar Land Rover nahe der südslowakischen Stadt Nitra beispielsweise besteht zum Großteil aus Serben.

Etliche Slowaken wiederum, vor allem jüngere Arbeitnehmer in Bratislava, sind sich ihres Marktwerts mittlerweile bewusst. Wie Zuzana Rubikova, die bei einem kleineren deutschen Unternehmen in der Hauptstadt Software testet. Die Anfänge ihrer Berufstätigkeit waren allerdings mühsam. "Greif beim ersten Angebot zu, dann hast du Geld - das haben mir meine Eltern eingeimpft", erinnert sich die 35-Jährige, die aus Kremnica in der Mittelslowakei stammt. So landete sie in den Call Centern zweier Großkonzerne, "wo ich nur eine Nummer und ständig müde war". Inzwischen gebe es viele Jobs, und so habe sie sich bewusst Zeit gelassen, um ihren jetzigen Arbeitgeber zu finden, der unter anderem viel in ihre Weiterbildung investiert. "Vielleicht würde ich woanders etwas mehr verdienen, aber die Atmosphäre stimmt, und ich möchte endlich länger in einem Unternehmen bleiben", erzählt Rubikova.

Aufschwung mit EU
Die im Südwesten Polens gelegene Stadt Wroclaw zählt ebenfalls zu den boomenden Wirtschaftsstandorten Mittel- und Osteuropas. Auf die Tristesse der 1990er Jahre, als etliche staatliche Betriebe schließen mussten, weil sie unrentabel waren, auf die Auswanderung hunderttausender Polen, die sich auf die Suche nach Jobs im Ausland machten, kam der Aufschwung des Landes. Polen wusste zunächst die Finanzhilfen vor dem EU-Beitritt gut zu nutzen, und nach der Aufnahme in die Gemeinschaft profitierte es weiterhin von den Infrastrukturförderungen. Für Auslandsinvestoren waren die neuen Absatzmärkte attraktiv: Österreichische Banken und Versicherungen setzten gleich nach 1989 zum Sprung nach Osteuropa an. Jobs in der Finanzindustrie, im Baugewerbe und in anderen Bereichen wurden geschaffen.

War 2013 laut der Statistikbehörde Eurostat jeder zehnte Pole ohne Beschäftigung, hat sich die Zahl der Arbeitslosen im Vorjahr mehr als halbiert. Auch wenn die Einkommensungleichgewichte noch immer groß sind: Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf beträgt mittlerweile rund 70 Prozent des EU-Durchschnitts. Vor zehn Jahren lag es gerade einmal bei etwa 50 Prozent.

Der ökonomische Aufschwung lässt sich daher auch in Polen nicht mehr durch heimische Arbeitskräfte allein aufrechterhalten, was eben in Wroclaw sichtbar wird. Hier wie andernorts buhlt die Regierung um Arbeitsmigranten vor allem slawischer Abstammung. Und so hängen in vielen Straßen Jobangebote in russischer oder ukrainischer Sprache aus.

Nach Angaben des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) kam es in Polen zu einer Explosion der Nachfrage nach ausländischen, vor allem ukrainischen Arbeitskräften: Der Anstieg habe seit 2015 an die 133 Prozent betragen. Demnach hätten die Arbeitgeber im Vorjahr ein Interesse an der Beschäftigung von beinahe zwei Millionen Ausländern verzeichnet. Jedoch wurden 2017 nicht einmal 270.000 neue personalisierte Arbeitserlaubnisse erteilt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-04 18:12:09
Letzte Änderung am 2018-09-05 11:10:17


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