Will mit seiner Partei die Ukraine verändern: Oleksandr Solontaj. - © Simone Brunner
Will mit seiner Partei die Ukraine verändern: Oleksandr Solontaj. - © Simone Brunner

Kiew. "Ich bin es gewohnt, belächelt zu werden", sagt Oleksandr Solontaj. Eine Partei mit 180 Mitgliedern? Zu klein, um einen wirklichen Wahlkampf zu führen. Eine Partei, basisdemokratisch und ohne prominentes Gesicht? Zu diffus für die polternde ukrainische Politlandschaft. Noch dazu ganz ohne Oligarchengelder? Das kommt dem Polit-Märchen der beliebten TV-Comedyserie "Sluga Naroda" (Diener des Volkes) gleich, in dem ein Geschichtslehrer über Nacht zum Präsidenten gewählt wird. Unterhaltsam, aber unrealistisch.

Doch als die Partei "Syla Ljudei" (wörtlich: "Die Stärke der Leute") bei den Kommunalwahlen 2015 aus dem Stand 210 Abgeordnete in den lokalen Regionalverwaltungen stellte, lachte niemand mehr. In der ostukrainischen Stadt Mariupol wurde "Syla Ljudei" sogar die zweitstärkste Kraft. In fünf Städten stellt die Partei mittlerweile den Bürgermeister. Doch Solontaj will mehr: Bei den Parlamentswahlen im Herbst 2019 soll die Partei den Sprung in die Werchowna Rada, das ukrainische Parlament, schaffen.

Solontaj, ein drahtiger 38-jähriger Mann mit Kurzhaarschnitt, blauem Sakko und weißem Hemd, führt durch das Kiewer Büro der Partei "Syla Ljudei". Hier, in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Innenstadt, ist vieles noch provisorisch. Der Parteisitz ist an der Türglocke gar nicht ausgeschildert. Das hält Solontaj jedoch nicht davon ab, groß zu denken. Solontaj, der mit seiner rhetorischen Energie und Begeisterung an einen Matthias Strolz erinnert, spricht sich schnell in Rage. Nicht weniger als die erste richtige Partei der Ukraine sollte "Syla Ljudei" werden, sagt er. An der Wand hängt eine Landkarte Kiews, sie ist mit gelben Klebezetteln übersäht - jeder Zettel ein Regionalprojekt. Jede Woche fährt Solontaj mit seinen Kollegen in die Regionen fernab der Hauptstadt, um lokale Aktivisten für die Partei anzuheuern und neue politische Ideen zu sammeln. "Syla Ljudej", die "Stärke der Leute". "Eine Partei, die nicht die Oligarchen, sondern die Menschen in den Mittelpunkt stellt", sagt er. Eine Graswurzelpartei.

Das klingt nach Populismus, doch in der ukrainischen Parteienlandschaft ist "Syla Ljudei" tatsächlich ein Novum. Politische Parteien werden hier meist von einflussreichen Geschäftsmännern und -frauen gegründet, die sich wiederum selbst als Spitzenkandidaten aufstellen lassen - wie beim "Block Petro Poroschenko" oder der Partei "Batkiwschtschyna" der ehemaligen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko.