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Update: 04.01.2019, 10:37 Uhr

Frankreich

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Von WZ-Korrespondentin Birgit Holzer

  • Macron will 2019 Reformen umsetzen, doch nach den "Gelbwesten"-Protesten scheint er geschwächt.

"Macron, Du machst keinen Sinn mehr", prangt auf der Gelbweste. Zwar ebbt der Protest ab, nicht aber der Frust über Macrons Politik. - © afp

"Macron, Du machst keinen Sinn mehr", prangt auf der Gelbweste. Zwar ebbt der Protest ab, nicht aber der Frust über Macrons Politik. © afp

Paris. Wenige Franzosen kennen den Namen von Sylvain Fort, dem Mann im Schatten, der öffentliche Auftritte stets mied. Doch Ansprachen aus Forts Feder mit ihrem feierlichen Ton haben die meisten schon gehört. Rund 300 Reden hat der 46-Jährige für Präsident Emmanuel Macron geschrieben, seit ihn dieser im Sommer zum Kommunikationschef im Élysée-Palast ernannt hatte. Nun kündigte Fort an, den Posten zu verlassen, um sich seiner Familie und anderen beruflichen Projekten zu widmen, wie er betonte.

So belanglos dies klingt - für Macron stellt der Abschied von seinem wichtigsten Redenschreiber einen Rückschlag dar. Bei Fort handelt es sich um einen engen Vertrauten der ersten Stunde, ähnlich wie bei Macrons Spezialberater Ismaël Emelien, der ebenfalls demnächst geht. Im vergangenen Jahr trat nach dem beliebten Ex-Umweltminister Nicolas Hulot auch der frühere Innenminister Gérard Collomb zurück. Er hatte Macron öffentlich vor zu großer Überheblichkeit gewarnt, mit der er sich selbst isoliere. Der Abgang einstiger Vertrauter erscheint symptomatisch dafür - und er kommt für den Präsidenten zur Unzeit, steht ihm doch ein Jahr mit großen Herausforderungen bevor.


Die teils von Gewalt begleiteten Proteste der "Gelbwesten"-Bewegung, die Frankreich Ende 2018 über Wochen in Atem hielten, haben Macrons Position geschwächt. Zwar scheint die politische Krise vorerst abgeklungen zu sein, nachdem er milliardenschwere Zugeständnisse wie die Erhöhung des Mindestlohns und eine Entlastung der Rentner machte. Das erhöht Frankreichs Defizit, während Macrons Beliebtheitswerte weiter bei rund 30 Prozent stagnieren. Und die Ruhe wirkt fragil.

Dialog mit dem Volk
Beobachter vermuten, dass Sylvain Forts Entscheidung mit dem Skandal um Macrons Ex-Sicherheitsbeauftragten Alexandre Benalla zusammenhängt. Benalla wurde im Sommer entlassen, nachdem er bei einer Demonstration brutal gegen Teilnehmer vorgegangen war. Doch seine diplomatischen Pässe nutzte der 27-Jährige weiterhin für geschäftliche Reisen: So traf er im Tschad Präsident Idriss Déby kurz vor einem Besuch Macrons in dem afrikanischen Land. Nun sagte Benalla dem Online-Magazin "Médiapart", er stehe weiter in Kontakt mit Macron. Der Élysée dementierte empört - und musste dann zurückrudern, da tatsächlich SMS ausgetauscht wurden. Die Episode zeugt von Kommunikationsproblemen an der Staatsspitze. Dass Macron ihnen nun offensiv begegnen will, zeigte sich in seiner Neujahrsansprache. Auch will er die Bürger stärker in Entscheidungsprozesse miteinbeziehen. Mitte Jänner, so versprach er, werde er alle Franzosen in einem Brief dazu auffordern, eine "nationale Debatte" über die Themen Energiewende, Steuerpolitik, Demokratie und die Staatsinstitutionen einzuleiten. Dazu sollen die Bürger mit lokalen Abgeordneten und Akteuren der Wirtschaft diskutieren. Gleichzeitig stellte Macron aber klar, dass er von seinem Reformeifer nicht abrücken werde. "Ich bin bei der Arbeit, entschlossen, alle Kämpfe auszufechten", so der 41-Jährige.

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Dokument erstellt am 2019-01-03 17:32:14
Letzte Änderung am 2019-01-04 10:37:38



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