• vom 17.01.2019, 17:47 Uhr

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Update: 17.01.2019, 18:14 Uhr

Deutsche Bahn

Ein Zug nach nirgendwo




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Von Alexander Dworzak

  • Kein Plan, wirtschaftliches Versagen: Der Rechnungshof gibt ein vernichtendes Urteil über die Deutsche Bahn ab.

In Sachen Pünktlichkeit schneidet die Deutsche Bahn sehr schlecht ab. - © afp/MacDougall

In Sachen Pünktlichkeit schneidet die Deutsche Bahn sehr schlecht ab. © afp/MacDougall

Der selbst gestrickte Schal einer Frau, die Verspätungen Farbcodes gab, wurde zum Hit.

Der selbst gestrickte Schal einer Frau, die Verspätungen Farbcodes gab, wurde zum Hit.© twitter/Sara Weber Der selbst gestrickte Schal einer Frau, die Verspätungen Farbcodes gab, wurde zum Hit.© twitter/Sara Weber

Berlin/Wien. Zumindest online konnte die Deutsche Bahn (DB) dieser Tage einen Erfolg verbuchen: Das Team der Digital- und Kommunikationsabteilung setzte sich bei der Versteigerung des "Verspätungsschals" durch. 7500 Euro erhält eine Dame aus der Nähe von München für ihren selbst gestrickten Schal; sie spendet den Erlös an die Bahnhofsmission. Mithilfe ihres Schals hatte sie die Verspätungen im Laufe des vergangenen Jahres dokumentiert. Jeden Tag strickte sie zwei Reihen: Dunkelgraue, wenn der Zug weniger als fünf Minuten Verspätung hatte, rosa wurden sie bei fünf bis 30 Minuten Unpünktlichkeit und rot, wenn der Zug sowohl bei Hin- und Rückfahrt verspätet war - oder einmal mehr als 30 Minuten nach dem Zeitplan einfuhr.

Der eineinhalb Meter lange Schal ergibt ein für die Deutsche Bahn desaströses Bild. Nicht nur im Regionalverkehr, auch bei Fernzügen war die Bilanz 2018 eine Katastrophe; dort war ein Viertel aller Fernzüge unpünktlich. Das Ziel, diese Quote auf 20 Prozent zu drücken, will die DB aber erst nach dem Jahr 2025 schaffen.


Die Entschuldung verspielt
Verkehrsminister Alexander Scheuer (CSU) verlangt nun bereits bis diesen Sommer "sichtbare Verbesserungen". Er verkündete am Donnerstag, dass heuer 22.000 Mitarbeiter eingestellt werden sollen, darunter Lokführer und Techniker. Das sind um 9000 Personen mehr als ursprünglich geplant. 2018 wurden bereits 24.000 Mitarbeiter eingestellt; die Zahl der Abgänge verkündete Scheuer jedoch nicht. Insgesamt sind rund 300.000 Personen konzernweit beschäftigt.

Weitere Sofortmaßnahmen umfassten verschönerte Bahnhöfe, besseres Störungsmanagement und erweiterte Informationen über Gleiswechsel und Wagenreihungen, kündigte der Verkehrsminister an. Und es gebe den politischen Willen, "massiv" in die Infrastruktur zu investieren.

Scheuers Versprechen haben jedoch einen Haken: Wie sie finanziert werden soll, ist nicht geklärt. Das gilt sowohl für die Personalkosten als auch für Ausgaben in das Schienennetz und für neue Züge. In diesen drei Bereichen klafft in den Berechnungen bis 2023 eine Finanzierungslücke in Höhe von elf Milliarden Euro.

Just, als Scheuer mit guten Nachrichten für die Kunden ausgerückt war, stellte der Präsident des deutschen Rechnungshofs, Kay Scheller, einen vernichtenden Bericht vor. Er knöpfte sich nicht nur das Bahn-Management vor, sondern zeige auch das Versagen der Politik schonungslos auf. Vor 25 Jahren wurden mit der Bahnreform zwei Ziele festgeschrieben: Das nun privatrechtlich organisierte, aber noch immer vollständig im Staatseigentum befindliche Unternehmen sollte Marktanteile vom Straßenverkehr zurückgewinnen und den Bund finanziell entlasten. Beides geschah unter Verkehrsministern von CDU, CSU und SPD nicht - noch viel schlimmer: Die damals entschuldete Bahn habe rund 20 Milliarden Euro Schulden angehäuft, kritisierte Scheller. "Der Verfassungsauftrag ist liegen geblieben. Und der Bund hat tatenlos zugeschaut."

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Dokument erstellt am 2019-01-17 17:59:34
Letzte Änderung am 2019-01-17 18:14:14



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