Barcelona. Damals, zu den Regionalwahlen im Dezember 2017, hatte Carme Forcadell Journalisten in einem mit Edelholz eingerichteten Büro empfangen. Fotos auf einem Wandregal erzählten vom Einsatz der damaligen Parlamentspräsidentin für Kataloniens Unabhängigkeit.

Jahrelang hatte Forcadell die Massen als Vorsitzende der ANC, eine der größten Bürgerorganisationen, die sich für die Loslösung von Spanien einsetzt, mobilisiert. Bei den Wahlen 2015 verkörperte sie den Traum vieler Unabhängigkeitsbefürworter. Warum sonst wurde sie, die Aktivistin, in das höchste Amt der katalanischen Legislative gewählt - in das der Parlamentspräsidentin?

Für ihre Gegner ist sie freilich eine Separatistin und "ideologisch zu unflexibel".

Carme Forcadell , hier Anfang März 2018 im Parlament. - © afp/Gene
Carme Forcadell , hier Anfang März 2018 im Parlament. - © afp/Gene

Statt im Büro sitzt Forcadell im Gefängnis. Sie trägt einen grauen Zweiteiler, sitzt hinter einer Glaswand und spricht hastig in eine Telefonmuschel, als ob sie Sorge hätte, eine Gefängniswärterin könnte sie ihr aus der Hand nehmen.

Im Gefängnis Mas d’Enric, wo Forcadell seit Juli 2018 in Untersuchungshaft sitzt, verbüßen rund 700 Männer und 30 Frauen - zumeist wegen Gewaltverbrechen und Drogendelikten - lange Haftstrafen.

Im Schleusenprinzip durchquert der Besucher acht Sicherheitstüren aus Stahlgittern, zwei Gebäude und einen großen leeren Platz, um in den Gesprächssaal von gefühlt einhundert Glaskabinen zu gelangen.

Es gehe ihr den Umständen entsprechend, sagt Forcadell ins Telefon. Dabei wirkt sie zerbrechlich. Dieses für männliche Häftlinge konzipierte Gefängnis in der Nähe von Tarragona ist besonders hart.

Die 63-jährige Forcadell habe es gewählt, weil es das einzige in der Nähe ihrer 90-jährigen Mutter und der Enkelkinder sei. Forcadell verbringt 16 Stunden am Tag in ihrer 15 Quadratmeter großen Zelle. In der Nacht wird sie eingeschlossen. Hier ist die Politikerin eine unter vielen Gefangenen, die sie als "teilweise sehr aggressiv" einstuft. Im Gefängnisalltag gebe es keinen Unterschied zwischen ihr, der U-Haft-Insassin, und den Straftäterinnen.

Die spanische Staatsanwaltschaft hatte Anfang November 2018 offiziell Anklage gegen 18 Protagonisten des katalanischen Unabhängigkeitsprozesses erhoben. Für Forcadell sowie für die aktuellen Vorsitzenden an der Spitze der Bürgerbewegungen ANC und Omnium Cultural, Jordi Sanchez und Jordi Cuixart, forderte sie insgesamt 17 Jahre Haft.