• vom 12.06.2013, 19:20 Uhr

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Schwarze Bildschirme bei ERT - Ende der "Abzocke"?




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  • Öffentlich-rechtliche Sender müssen sich immer wieder Debatte um Nutzen stellen.



Wien/Athen. (sd) "Kein Signal". Dass die griechischen Zuseher Dienstagnacht statt des Programms des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ERT schwarze Bildschirme vorfanden, begründeten Regierungsvertreter mit zu hohen Kosten. In Zeiten der Krise: unverantwortbar. Der ERT, sagt ein Mitarbeiter, der nicht namentlich genannt werden möchte, werde von vielen Griechen als überbesetzt wahrgenommen - durch die, wie in vielen anderen Bereichen Griechenlands - jahrelang praktizierte Vetternwirtschaft.

Großen Anklang bei der Bevölkerung fand das Programm des ERT zuletzt kaum: Die Hauptnachrichtensendung erreichte zuletzt nur noch sechs Prozent Marktanteil, keiner der ERT-Radiosender schaffte eine Einschaltquote von über 1,5 Prozent. Der vorläufige Programmstopp des ERT - kein großer Verlust für die griechische Bevölkerung? "Für die Demokratie ist öffentlich-rechtlicher Rundfunk enorm wichtig", sagt Reinhard Christl, Leiter des Departement Medienwirtschaft an der Fachhochschule St. Pölten. In Europa sei dieser ein wesentlicher Bereitsteller von Qualitätsjournalismus und erreiche wie kein anderes Medium die breite Masse. "Für eine funktionierende Demokratie braucht es informierte Bürger", sagt Reinhard Christl.


Kein Staatsfunk
Unabhängige Informationen für mündige Bürger: Das, so sind sich Medienexperten einig, war schon immer Grundidee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks - und ist es auch heute. Vor allem in Österreich und Deutschland mussten zunächst die Lehre aus Zeit des Nationalsozialismus gezogen werden: Kein Staatsfunk mehr, sondern selbständige Anstalten des öffentlichen Rechts, die politisch und wirtschaftlich unabhängig sind.

Sind diese Rahmenbedingungen nicht gewährleistet, "fehlen der Bevölkerung die Grundlagen für ihre Wahlentscheidungen und die Kontrolle der Regierenden", schreiben die Journalisten des österreichischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks ORF in einer Solidaritätsbekundung für die griechischen ERT-Mitarbeiter.

Beispiel USA
Gegner der Anstalten öffentlichen Rechts bringen jedoch das Beispiel USA ins Spiel: Dort dominieren private Radio- und Fernsehsender, öffentlich-rechtlicher Rundfunk existiert nur in Nischen. Trotzdem sind die USA eine Demokratie. "Die breite Masse der US-Amerikaner ist politisch weit schlechter informiert als die Europäer", entgegnet Christl.

Die Nachfrage nach öffentlich-rechtlichem Fernsehen ist nicht nur in Griechenland gering: Auch in Österreich flimmern immer öfter die Programme von privaten TV-Anstalten über den Bildschirm. Bei Katastrophen- oder in Krisenfällen vertrauen die Zuseher jedoch stärker den staatlich finanzierten Sendern als Privaten. Das ergibt eine vom Institut für Journalismus und Medienmanagement der FH Wien durchgeführte Befragung. "Österreicher halten öffentlich-rechtliches Fernsehen für glaubwürdiger", erklärt Projektleiterin Nicole Gonser. Und fügt hinzu: "Auch, wenn sie das Angebot sonst kaum nutzen."

Bleibt die Frage nach den Kosten: In Deutschland wurde die Anfang des Jahres eingeführte, verpflichtende Haushaltsabgabe stark kritisiert. Die griechische Regierung bezeichnete den ERT als "verschwenderisch".

"Seriöse Information muss uns etwas wert sein, wie eben Krankenhäuser oder Schulen", sagt Christl. Anders klingt das allerdings in Athen: Regierungssprecher Simos Kedikoglou erklärte am Mittwoch, dass die "Abzocke", welche die Griechen bis heute für den Staatssender zahlen, vorbei sei.




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Dokument erstellt am 2013-06-12 19:23:03


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