• vom 04.03.2014, 18:04 Uhr

Europastaaten

Update: 21.03.2014, 17:13 Uhr

Ukraine

Die Rückkehr der Oligarchen




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Von Veronika Eschbacher

  • Schwerreiche Geschäftsleute werden Gouverneure im Osten - zur Beruhigung.

Kiew. Der neue Gouverneur von Dnjepropetrowsk ist ein Freund klarer Worte. "Wir hatten den großen Schizophrenen, Russland hat den kleinen Schizophrenen", sagt er bei seiner Antrittspressekonferenz am Montag vor ukrainischen Medien und bezieht sich dabei auf den abgesetzten ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch und Wladimir Putin, den russischen Präsidenten. Dass ausgerechnet ein Gouverneur im prorussischen Osten des Landes solche Worte öffentlich aussprechen würde, ließ doch manchen Beobachter mit offenem Mund zurück.


Aber in der Ukraine scheint aufgrund der Ausnahmesituation durch die militärische Bedrohung Russlands momentan vieles möglich. Auch Postenbesetzungen, die Maidan-Aktivisten vor zwei Wochen noch niemals akzeptiert hätten. Anders wäre es gar nicht möglich, dass nun ausgerechnet die so verhassten Oligarchen wieder auf der politischen Bühne des Landes auftauchen, das durch einen Volksaufstand seine bisherige Führung verjagt hatte. Igor Kolomojskij, der furchtlose Kritiker der beiden Präsidenten und drittreichste Ukrainer, wurde zum Gouverneur von Dnjepropetrowsk ernannt. Stahl- und Kohlemagnat Serhij Taruta ist sein Pendant in Donetsk.

Das geringste Übel
"Wenn das so weitergeht, haben wir bald eine Oligarchen-Hundertschaft", witzelte ein Maidan-Aktivist über den Kurznachrichtendienst Twitter (die Selbstverteidigung des Maidans ist in sogenannte Hundertschaften eingeteilt). Als großen Trend darf man die Besetzung der Posten mit Oligarchen freilich nicht verstehen. Es ist vielmehr so, dass dies von den Revolutionären zähneknirschend akzeptiert wird, - praktisch als das geringste Übel in einer für die Ukraine herausfordernden Übergangszeit. Momentan scheint in Kiew eine alte Regel zu gelten: Gibt es eine Bedrohung von außen, wird innenpolitisch erst Mal nicht kritisiert.

Die neue ukrainische Führung verfolgt mit der Besetzung, die manche Kommentatoren als "verzweifelt" bezeichnen, aber auch bestimmte Ziele. Kolomojskij etwa hat keine 360-Grad-Wendung vollzogen. Der Ostukrainer, der seit Jahren eigentlich in der Schweiz lebt, wurde von Janukowitsch eher geduldet als geliebt, und stellte sich während der Proteste auf die Seite der Maidan-Aktivisten. Seine Ernennung ist aus ukrainischer Sicht auch ein Zeichen an die Bürger im Osten, aber auch in Richtung Russland, dass es ist nicht wahr sei, dass nun das ganze Land nur von Westukrainern regiert werde. Und sie soll wohl auch den russischen Vorwürfen "faschistischer Neigungen" der neuen Führung in Kiew den Wind aus den Segeln nehmen - Kolomojskij ist sehr aktives Mitglied der jüdischen Gemeinde.

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Dokument erstellt am 2014-03-04 18:08:05
Letzte Änderung am 2014-03-21 17:13:39


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