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Update: 10.09.2014, 11:35 Uhr

Russland

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Von Matthias Nagl und Thomas Seifert

  • Putins ehemaliger Berater Andrej Illarionow erklärt die Wandlung des russischen Präsidenten.


© Ela Grieshaber/ Salzburg Global Seminar © Ela Grieshaber/ Salzburg Global Seminar

"Wiener Zeitung": Hat der Westen etwas falsch gemacht, die Abkehr des russischen Präsidenten Wladimir Putin provoziert?

Andrej Illarionow: Wenn, dann nicht viel. Einige meinen, dass es von September 2001 bis März 2003 tatsächlich Spielraum für gemeinsame Ziele gegeben hätte. Diese Gelegenheit stand in Verbindung mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001, nach denen Wladimir Putin den damaligen US-Präsidenten George Bush anrief. Damals gab es viele Überlegungen zu einer sehr engen Kooperation zwischen Russland und dem Westen. Putin sagte sogar öffentlich, dass er Russland zum Nato-Vollmitglied machen will. Das ist heute unglaublich, damals war es Fakt.


Was änderte Putins Haltung?

Nach dem Krieg gegen Saddam Husseins Irak bildeten sich neue Allianzen oder Halballianzen, wie Deutschland, Frankreich und Russland gegen die angelsächsischen Länder USA, Großbritannien et cetera. Es gab klar unterschiedliche Ansichten, wie man mit dem Irak und dem Nahen Osten generell umgehen sollte. Dort liegen die Wurzeln des Gegensatzes, der sich in den vergangenen elf Jahren entwickelt hat. Deshalb meinen einige, die Verantwortung für die jetzige Situation liege bei der Bush-Administration. Es mag eine Grundlage für diese Behauptungen geben, das größere Problem ist aber die Psychologie und die Weltsicht von Putin selbst.

Sie meinen damit seine Haltung zur Sowjetunion.

Putin sprach oft über diese Weltsicht und setzte sie auch um. Er sagte, der Zusammenbruch der Sowjetunion war die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Er mischte sich in Georgien ein. Die Attacke von 2008 war nur der Knackpunkt einer Aggression gegenüber Georgien, die 1999 begonnen hatte. Es gab einen sehr ähnlichen Ansatz gegenüber Moldawien und den baltischen Staaten. In Kirgistan gab es 2010 sehr ähnliche Ereignisse, die durch eine chinesische Intervention beendet wurden. Das ist im Rest der Welt nicht sehr bekannt.

Was verbindet diese Ereignisse mit der Ukraine?

Die Politik, die Ukraine zu destabilisieren, sie sozusagen auf die Knie zu bringen und Putin die Kontrolle über das Land zu sichern, begann im Jahr 2003. Es geht da nicht um die Krim, nicht um Janukowitsch (abgesetzter Ex-Präsident der Ukraine, Anm.), nicht um den Maidan. Diese Politik startete im Jahr 2003. Es wurde praktisch gesagt, Russlands Absicht sei es, Sewastopol und Kiew zu bekommen. Das ist die Umsetzung des ersten Teils des Plans, der zweite Teil liegt noch vor uns. Wenn irgendwelche Leute von Fantasiegebilden wie Neurussland träumen, ist das ihre Sache. Wenn politische Führer von großen Ländern und Atommächten mit solchen Träumen beginnen, wird das zum Problem.

Sie haben als Wirtschaftsberater mit Putin zusammengearbeitet. An welchen Meilensteinen haben sich die Dinge verändert?

Diese Frage ist für Historiker, Politikwissenschafter, Psychologen und Analysten sehr interessant. Etwas hat die Leute schockiert: Ich erinnere mich noch sehr gut an das Jahr 2003, als Michail Chodorkowski festgenommen wurde und die öffentliche Attacke auf den Yukos-Konzern begann. Westliche Minister, Diplomaten und Journalisten fragten schockiert, warum es nach zwei, drei Jahren an beeindruckenden Wirtschaftsreformen und Kooperation im internationalen Bereich eine Umkehr gab. Dazu gibt es verschiedene Hypothesen. Manche sagen, dass Putin von Beginn an so war, wie er ist. Andere, dass es mit Vorkommnissen im Tschetschenien-Krieg zu tun hat. Manche sagen, dass er sich in seiner Zeit als Vizebürgermeister von St. Petersburg verändert hat.

Was ist Ihre Ansicht?

Aufgrund seiner persönlichen Eigenschaften und dem Umgang im KGB sieht er den engen Kreis von Leuten aus derselben Organisation als die Einzigen, auf die er sich voll und ganz verlassen kann. Diese Organisation bezeichne ich als einen Konzern. Deshalb betrachte ich das heutige Russland als Konzernstaat. In dem Sinn, dass der Staat von einem Konzern besessen wird. Einem Konzern der aktuellen und ehemaligen Agenten des KGB, FSB und anderer Geheimdienste der Sowjetunion und Russlands.

Zur Person

Andrej Illarionow

Der 52-Jährige war von 2000 bis 2005 enger Wirtschaftsberater von Wladimir Putin. Er arbeitet nun für das libertäre Cato-Institut in den USA und war auf Einladung des Salzburg Global Seminars und des International Peace Institutes in Salzburg.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-09-09 17:11:04
Letzte Änderung am 2014-09-10 11:35:44


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