"Wiener Zeitung": Deutschland feiert den 25. Jahrestag des Mauerfalls vom 9. November 1989. Echte Freude oder ritualisiertes Event?

Peter Brandt: Von beidem etwas. Natürlich kommt kein Medium ohne ausführliche Erlebnisberichte aus. Aber in beiden Teilen der Stadt ist die Erinnerung an den Mauerfall sehr lebendig, da ist nichts gekünstelt.

Sie leben in Berlin. Merken Sie Unterschiede bei der Feierlaune zwischen Ost- und Westberlinern?

Nein, und das trotz weiterhin unterschiedlicher Mentalitäten in Ost und West. Diese sind bei Unter-35-Jährigen, insbesondere gut gebildeten, kaum mehr wahrnehmbar, stärker jedoch bei Älteren. Dazu kommt, dass es neben den beiden Teilen der Stadt eine immer größer werdende Innenstadt gibt. Hier siedelten sich in den vergangenen Jahren "die Bonner" an, also Beamte aus den Ministerien und deren Familien, aber auch Ausländer und Binneneinwanderer. Sie sorgten für eine völlig neue Durchmischung.

Im Sommer 1961, als die Mauer gebaut wurde, waren sie knapp 13 Jahre alt. Wie haben Sie den Mauerbau damals wahrgenommen?

Ich war Gymnasiast und mit einer Jugendgruppe in Kärnten in den Bergen. Dort gab es weder TV noch Radio, ich erfuhr erst Tage später von dem Ereignis. Wir Berliner lebten seit 1958 im Krisenmodus. Damals forderte die UdSSR, eine "freie, entmilitarisierte Stadt Westberlin" zu schaffen, andernfalls würde sie einen separaten Friedensvertrag mit der DDR schließen. Der Mauerbau kam nicht aus heiterem Himmel, aber natürlich waren die Bürger entsetzt, als er Realität wurde. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass es wirklich zur Teilung kommt, hatten Verwandte dies- und jenseits der Mauer.

Ihr Vater war von 1957 bis 1966 Berlins Bürgermeister. Wie haben Sie Willy Brandt zur Zeit des Mauerbaus erlebt?

Egon Bahr, der engste politische Vertraute meines Vaters, sagte einmal: "Brandt war am stärksten, wenn er mit dem Rücken zur Wand stand." Er war entschlossen, nervenstark, ruhig - und wütend über die Reaktion des Westens. Denn die Alliierten, Großbritannien, Frankreich und die USA, haben den Mauerbau mit demonstrativer Gelassenheit zur Kenntnis genommen und die Sowjets gewähren lassen, solange es in deren Zone ist. "Niemand wird für uns eintreten", sagte Willy Brandt. Genau diese Erkenntnis war Ansatzpunkt seiner Ostpolitik; mit kleinen Schritten die Lage für die Menschen erträglicher zu machen.