• vom 17.11.2014, 18:15 Uhr

Europastaaten

Update: 17.11.2014, 21:14 Uhr

Rumänien

Sächsische Gründlichkeit




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Wahlsieger Johannis muss sich vorerst mit der Regierung Pontas arrangieren, denn der lehnt Parlamentswahlen derzeit ab.

Wahlsieger Johannis muss sich vorerst mit der Regierung Pontas arrangieren, denn der lehnt Parlamentswahlen derzeit ab. Wahlsieger Johannis muss sich vorerst mit der Regierung Pontas arrangieren, denn der lehnt Parlamentswahlen derzeit ab.

Wackelige Mehrheit für Ponta
Den Wahlverlierer Victor Ponta könnte das Wahlchaos noch teuer zu stehen kommen. Bereits am Montagvormittag forderten neben den Vertretern des wirtschaftsliberalen Lagers auch mehrere Stimmen aus seiner Partei PSD den Rücktritt der Regierung. Ein Verlust der fragilen Parlamentsmehrheit, über die die Sozialdemokraten zusammen mit den Konservativen (PC), der Fortschrittspartei (UNPR) un der Liberalen Reformpartei (PLR) noch verfügen, gilt den meisten Beobachtern zufolge als sehr wahrscheinlich. Regierungschef Ponta könnte praktisch alles verlieren, selbst der Parteivorsitz gilt nicht mehr als sicher. Ponta selbst lehnt vorgezogene Parlamentswahlen angesichts seines schlechten Abschneidens allerdings ab. Er wolle bis zu den Parlamentswahlen 2016 weiterregieren, verkündete er am Montag. Rumänien stehen damit möglicherweise weitere zwei Jahre einer Kohabitation zwischen ihm und Johannis bevor.

Das Wahlergebnis ist dennoch in vielerlei Hinsicht eine historische Premiere: Zum ersten Mal in seiner Geschichte hat Rumänien einen demokratisch gewählten Staatschef, der weder rumänischer Abstammung ist noch der christlich-orthodoxen Kirche angehört. Zudem trat Johannis in seinem Wahlkampf explizit für einen neuen Politikstil ein. Immer wieder betonte der rumänische Sachse stereotypisch deutsche Tugenden wie Effizienz, Sachlichkeit, Arbeit oder Ehrlichkeit, die ihn von seinem Gegner Victor Ponta, aber auch der gesamten politischen Klasse unterscheiden sollen. Auch warb er im Wahlkampf damit, der weit verbreiteten Korruption den Garaus machen zu wollen. Mit diesem Diskurs sprach Johannis offenbar viele enttäuschte Rumänen an.

Die ganze Politik umkrempeln will der bisherige Bürgermeister aber nicht. In der Wirtschaft spricht er sich für die Beibehaltung der 16-Prozent-Flatrate bei der Einkommensteuer und für baldige Einführung des Euro aus. Dies soll vor allem Investoren aus Deutschland und Österreich nach Rumänien locken.

Im Gegensatz zu seinen Kollegen in Bukarest redet der Siebenbürger Sachse weniger, leiser, langsamer. Er wirkt überlegt und eher unspektakulär, was einen starken Kontrast zu den stürmischen, in jeder Hinsicht überspitzten Tiraden seiner Bukarester Kollegen bildet. Beobachter und Journalisten sind sich uneinig bei der Beurteilung des neuen Stils. Die Reden von Johannis seien trocken, langweilig und kalt, sagen die einen; die anderen argumentieren, dass sich der Vorsitzende der Liberalen Partei (PNL) gerade durch diesen Stilbruch beliebt gemacht hat. Zu viel reden, zu viel versprechen und schwierige Situationen kleinreden - all das wird im Volksmund als Schwäche, manchmal sogar als Fluch der Rumänen betrachtet. Der linke Blogger und Publizist Costi Rogozanu resümiert: "Humor und Schein statt Gründlichkeit und Fleiß: Das macht uns cool, aber macht uns das auch reich?"

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Dokument erstellt am 2014-11-17 18:20:12
Letzte Änderung am 2014-11-17 21:14:04


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