Wo immer Politiker über die Notwendigkeit einer europäischen Identität sprechen, herrscht Verwirrung. Wie in einschüchternden Mathestunden weicht das Volk dem Blick des Vortragenden aus, weil es die Angabe nicht versteht. Angela Merkel, Joachim Gauck, Federica Mogherini und viele andere betonen immer wieder gemeinsame Werte und dass Solidarität unter den Europäern essenziell ist, um den Herausforderungen der Zukunft die Stirn bieten zu können. Und angesichts der gegenwärtigen Flüchtlingskrise ist die angemessene Reaktion auf diese Idee wohl ein schulterzuckendes "Ja, eh".

Trotzdem bleibt ein Nachgeschmack, dass außer diesen Bekenntnissen zum europäischen Kollektiv nichts passiert, weil sich Zugehörigkeitsgefühle nur schwer im Reagenzglas erzeugen lassen. Unabhängig davon, ließe sich argumentieren, dass es diese europäische Identität in gewisser Hinsicht längst gibt, allerdings möglicherweise anders, als sich die Redenschwinger das vorstellen. Während diese nämlich von der zweifellos wichtigen Reisefreiheit und der gemeinsamen Währung reden, sitzt Europa vor dem Fernseher und schaut gemeinsam Champions League, die Hochzeit von Kate und William oder die neueste Staffel der US-Fernsehserie "House of Cards".

Schlurfen und Schlendern

Auch der Eurovision Song Contest schlägt in diese Kerbe, mit dem Unterschied, dass er eigens mit dem Gedanken initiiert wurde, das nach dem Krieg gespaltene Europa mit einem gemeinsamen Fernsehabend wieder näher zusammenzuführen. Ein erfolgreiches Konzept, denn selbst die Ablehnung der eisernen Verweigerer von Europas größter Bad Taste Party ist eine Art Code, den jeder auf dem Kontinent versteht. Egal ob man Freund oder Feind dieses Spektakels ist, muss man außerhalb des Kontinents oft eine Menge erklären, wenn das Gespräch auf den Song Contest kommt, denn er ist eben doch etwas sehr Europäisches.

Externe Zuschreibungen, was den Europäer ausmacht, sind nicht minder amüsant. Der US-amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin etwa machte vor Jahren die Beobachtung, dass die Europäer beim Gehen zum Schlurfen und Schlendern tendieren. Es sei ihre normale Art der Fortbewegung, während man in den Vereinigten Staaten entweder wahnsinnig oder arbeitslos sei, wenn man schlurfe.

Für die europäischen Institutionen sind jedoch all diese unterschwelligen und mitunter kuriosen Gemeinsamkeiten schwer in eine Form zu gießen, die sich für das Gelingen des Projekts Europa nutzen lässt. Immerhin, eine Maßnahme zur Förderung europäischer Integration, die funktioniert, sind die von der Europäischen Kommission geschaffenen Mobilitätsprogramme, wie etwa der Europäische Freiwilligendienst oder das Studentenaustauschprogramm Erasmus. Es gibt schließlich nur wenige Dinge, die so viele immerwährende internationale Freundschaften schaffen wie billiges Bier und Willkommensschnäpse auf Erasmus-Partys.