• vom 24.05.2015, 12:14 Uhr

Europastaaten


Flüchtlinge

Ein Felsen im Meer




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Von Markus Schauta

  • Lampedusa will Urlaubsinsel sein, doch vor ihren Küsten sterben Menschen an der europäischen Flüchtlingspolitik.



Lampedusa. Von Europa aus besehen, ist Lampedusa nur eine nackte Insel im Mittelmeer. 20 baumlose Quadratkilometer am äußersten Rand Europas: Neun Stunden dauert die Anreise von Wien mit Umsteigen in Rom und Catania. Im Hafen von Lampedusa bunte Häuser mit Flachdächern. Wellen rollen an den Strand, wo unter Palmen Boote liegen. Eine Möwe schreit. Fischkutter, kleine Yachten und Sportboote schaukeln im Hafenbecken. "Auf Lampedusa gibt es Fischerei und Tourismus", sagt Gianfranco, Drei-Tages-Bart und blaue Augen. Wie viele andere junge Bewohner Lampedusas lebt er nicht das ganze Jahr auf der Insel. "Die Saison geht von Juni bis August." Während dieser Zeit hilft er als Freiwilliger beim Roten Kreuz, arbeitet in einem Hotel und vermietet sein Auto an Touristen.



Die fahren damit die Insel ab. Nach Norden zur Steilküste, wo der Lavendel duftet und 130 Meter tiefer das Meer gegen die Felsen brandet und man von der Klippe aus die Rücken der Möwen im Wind sieht, weiß und grau und schwarz das Gefieder. Und zu den kleinen Buchten der Südküste, wo die Sandstrände weiß sind und das Meer türkisfarben, zwischen den Felsen Karettschildkröten.


Doch Fische und Touristen werden weniger. Um einen guten Fang zu machen, müssen die Fischer immer näher an die libysche Küste. Und auch die Touristenzahlen nehmen seit 2014 ab. "Wahrscheinlich wegen der Berichte über die Flüchtlinge", sagt Gianfranco, schultert seine Umhängetasche und geht an den Strand, der gleich hinter dem Hafen beginnt.

Comandante Gnoffo sah schon viele ankommen: Lebende und Tote.

Comandante Gnoffo sah schon viele ankommen: Lebende und Tote. Comandante Gnoffo sah schon viele ankommen: Lebende und Tote.

Die Via Roma ist das Zentrum von Lampedusa. Eine Fußgängerzone, gesäumt von einstöckigen Häusern, die Jalousien der Balkone geschlossen. Marquisen beschatten die Auslagen der Boutiquen, wo es bunte Schals und T-Shirts mit stilisierten Schildkröten zu kaufen gibt. Ein Fleischer, ein Friseur, ein Schreibwarengeschäft und jede Menge Restaurants und Cafés mit Einheimischen, italienischen Touristen und einigen Japanern.

Mauro Seminara bestellt einen Espresso im Café Royal. Der Mittvierziger mit Bart und zurückgegeltem Haar ist Journalist. "Die Lampedusaner haben immer geholfen und werden es auch weiterhin tun", sagt er und berichtet, wie Fischer und Segler Menschen vor dem Ertrinken retteten. "Aus Sicht von Lampedusa kann über die Operation ,Triton‘ nur gelacht werden. Das ist keine Lösung", sagt Seminara. "Die Flüchtlinge müssen die EU auf sicheren Wegen erreichen können, damit sie nicht gezwungen sind, übers Meer zu fahren." Aber die Tragödie am Mittelmeer wirke sich auch auf das Leben der Inselbewohner aus. Seminara erzählt von der schwachen Infrastruktur der Insel. Davon, dass ein Großteil des Stromes mit Dieselgeneratoren erzeugt wird, dass ein Tankschiff das Trinkwasser liefert, es kein Schnellboot, sondern nur die langsame Fähre aufs Festland gebe und das Flugzeug nach Sizilien teuer sei. Hinzu kommt jetzt der Einbruch im Tourismus, da viele Medien die Insel als Krisengebiet darstellen. "Für die Einwohner von Lampedusa ist das ein Problem", sagt er. In Wirklichkeit aber gebe keine Invasion von Flüchtlingen. Weder auf Lampedusa noch in Europa. Die EU könnte die Sache in den Griff kriegen, wenn sie nur wollte.

Ein Ort zum Sterben
Am Friedhof von Lampedusa stehen die Gräber dicht beieinander. Von Grabbauten, Kreuzen und Wänden mit Grabnischen blicken die Fotos der Toten. Seit Jahren wird auf der Insel nur gestorben, aber niemand mehr geboren. Denn das Krankenhaus hat keine Geburtenabteilung und Hebamme gibt es keine. Die Frauen müssen zum Entbinden nach Sizilien.

Am nahen Rollfeld landet eine Propellermaschine der italienischen Post. Ein Friedhofsarbeiter im himmelblauen T-Shirt, die Leiter geschultert, zwischen den Gräbern. "Dort liegen die Migranten", sagt er und deutet auf ein halbes Dutzend verwitterter Kreuze zwischen wildem Hafer und gelben Butterblumen. Namenlosen Gräber, zehn, vielleicht zwanzig Jahre alt. Die Toten der letzten Schiffsunglücke wurden auf Sizilien bestattet. An einem der Kreuze hat jemand ein Andachtsbildchen befestigt: ein Boot voll Menschen am offenen Meer, am Bug der heilige Petrus, Schutzpatron der Schiffbrüchigen.

Am Hafen, gleich hinter dem Café mit der Aussichtsterrasse ist die Fassade eines alten Hauses mit bunten Holzbrettern benagelt. "Planken von Flüchtlingsbooten", sagt Francesca. Die junge Frau mit kurzem Haar renoviert gemeinsam mit Freunden das alte Fischerhaus. Wo früher Netze geflickt und Boote repariert wurden, soll ein Ausstellungsraum entstehen. "Die Menschen auf Lampedusa wollen, dass die Migranten unsichtbar bleiben", sagt sie. Doch Francesca will dem Vergessen ein Museum entgegensetzen. Am Schiffsfriedhof, wo die afrikanischen Boote verrotten, haben sie Objekte gesammelt, die Migranten gehörten: tunesische Zigarettenpackungen, Kleider, in die Telefonnummern eingenäht waren, Notizen und Zeichnungen, Schwimmwesten, Koran und Bibel vom Meerwasser aufgeweicht - und immer wieder Schuhe. Askavusa nennen sie daher ihr Kollektiv, was so viel wie "barfüßig" heißt. Weil die Flüchtlinge, oft durchnässt vom Meerwasser oder Regen, ihre Schuhe ausziehen, wenn sie im Hafen ankommen.

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Flüchtlinge, Lamedusa

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-05-22 16:17:09
Letzte Änderung am 2015-05-22 16:32:34


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