• vom 28.07.2015, 15:23 Uhr

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Update: 28.07.2015, 16:20 Uhr

Flüchtlingskrise

Ungarns gallisches Dorf für Flüchtlinge




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Von WZ-Korrespondentin Kathrin Lauer

  • In der südungarischen Stadt Szeged zeigt sich das freundliche Gesicht des Landes, das angesichts der fremdenfeindlichen Kampagne der rechtsnationalen Regierung von Viktor Orban zu verblassen drohte.

Bis Ende August soll die serbisch-ungarische Grenze durch einen vier Meter hohen Drahtzaun versperrt sein. Heuer überquerten 86.000 Menschen die grüne Grenze, doppelt so viele wie im Vorjahr. Sie kommen aus Afghanistan, Irak oder Schwarzafrika. Achmed aus Syrien (r.) hat das Wegstück noch vor sich.

Bis Ende August soll die serbisch-ungarische Grenze durch einen vier Meter hohen Drahtzaun versperrt sein. Heuer überquerten 86.000 Menschen die grüne Grenze, doppelt so viele wie im Vorjahr. Sie kommen aus Afghanistan, Irak oder Schwarzafrika. Achmed aus Syrien (r.) hat das Wegstück noch vor sich.© Lauer Bis Ende August soll die serbisch-ungarische Grenze durch einen vier Meter hohen Drahtzaun versperrt sein. Heuer überquerten 86.000 Menschen die grüne Grenze, doppelt so viele wie im Vorjahr. Sie kommen aus Afghanistan, Irak oder Schwarzafrika. Achmed aus Syrien (r.) hat das Wegstück noch vor sich.© Lauer

Szeged/Kanjiža. Die Mondsichel leuchtet am Himmel, doch die Luft ist immer noch schweißtreibend. Trotzdem darf die sechs Monate alte Amira nicht zu kalt gebadet werden. Die pensionierte Friseurin Erszebet G., Aktivistin der ungarischen Hilfsorganisation MigSzol, gießt aus einem elektrischen Schnellkocher Wasser in die kleine Plastikwanne, die am Bahnhofsvorplatz von Szeged neben einer Bank steht, auf der sich die afghanische Familie niedergelassen hat. Amira lässt das Waschen nur unter Gebrüll über sich ergehen. Dann fragt die Helferin: "Wie viel wiegt das Kind? Wird die Windelgröße für Fünf-Kilo-Babys passen?"

Eine Babywaage war nicht dabei unter den vielen Spenden, die MigSzol erreicht haben. Dafür gibt es Kühlschränke für die belegten Brote und für die bei der Hitze sehr gefragten Wassermelonen. Es gibt Handtücher, Seife, Zahnbürsten, eine Wifi-Verbindung. Die sozialistisch geführte Gemeinde Szeged hat Zugang zu Wasser und Strom organisiert. Leila aus dem Iran, die in Szeged Medizin studiert, schmiert immer wieder Salbe gegen Gelsenstiche in Kindergesichter - diese Verletzungen bringen viele von den langen illegalen Märschen durch Wälder und Felder mit. Bei einem Dreikäsehoch haben sich Wunden nach Insektenstichen auf der Brust und an den Händen infiziert. Leila desinfiziert und legt Verbände an.


Wohl größte Hilfsaktion seit Ansturm der DDR-Flüchtlinge
Seit Monaten kommen sie zu Tausenden, meistens in kleinen Gruppen, auf der Flucht vor Krieg und Diktatur: Aus Afghanistan, dem Irak, Syrien, aber auch aus Schwarzafrika. Die meisten gelangen illegal über die grüne Grenze aus Serbien nach Ungarn. In diesem Jahr waren es schon mehr als 86.000, doppelt so viele wie im Vorjahr. Szeged, Grenzstadt im Dreiländereck Ungarn-Serbien-Rumänien, ist die wichtigste erste Durchgangsstation. Diejenigen, die am Bahnhof versorgt werden, sind bereits von der ungarischen Grenzpolizei samt Fingerabdrücken registriert worden. Sie haben ein Papier bekommen, das sie einem der drei ungarischen Aufnahmelager zuweist, sowie einen Gratis-Fahrschein für den Transport. Bis zur Abfahrt müssen sie stundenlang warten - oft auch eine ganze Nacht. Wie Amira und ihre Familie.

"Wir hatten heute Nacht einen Rekord: 136 Flüchtlinge gleichzeitig", sagt Balazs Szalay am Tag danach. Szalay, ein Mittdreißiger, von Beruf Informatiker, ist einer der ehrenamtlichen Aktivisten von MigSzol, ohne die am Bahnhof von Szeged chaotische Zustände herrschen würden. Das Kürzel MigSzol steht für "Solidarität mit Migranten". Was sie gerade hier auf die Beine stellen, dürfte in Ungarn als größte Hilfsaktion seit dem Ansturm der DDR-Flüchtlinge 1989 in die Geschichte eingehen.

Hier zeigt sich das freundliche Gesicht Ungarns, das angesichts der fremdenfeindlichen Kampagne der rechtsnationalen Regierung von Viktor Orban zu verblassen drohte. Die Regierungsplakate, auf denen Flüchtlinge aufgefordert werden, den Ungarn keine Arbeitsplätze wegzunehmen, haben allerdings auch Wirkung gezeigt. Rechtsradikale Gruppen haben am Budapester Bahnhof Flüchtlinge angegriffen und sie machen stets Stimmung gegen MigSzol. In Szeged schlug ein Skinhead ein Pärchen krankenhausreif, weil er irrtümlich annahm, dass der dunkelhäutige junge Mann ein Migrant sei.

"Die Migranten suchen
keine Konflikte"

Oberst Gabor Eberhardt, Chef der Grenzpolizei in Szeged, ist derweil zufrieden damit, dass es zu keinen Gewaltakten zwischen Migranten und der Bevölkerung gekommen ist. "Die Migranten suchen keine Konflikte", sagt er. "Auf ihrem Weg bei Nacht über die grüne Grenze orientieren sie sich an den erleuchteten Bauernhäusern und zertrampeln dabei die Gemüsegärten - aber offensichtlich nicht absichtlich". Seine Leute seien auch damit beschäftigt, den Bewohnern des Grenzgebiets die Angst zu nehmen. "Sie müssen sich die 70-jährige Bäuerin im Einödhof vorstellen, die seit 50 Jahren nur ihren drei Kilometer weiter wohnenden Nachbarn kennt. Die wundert sich natürlich, wenn plötzlich Menschenmassen aus Mosambik und Pakistan durch ihren Garten gehen."

Mit solchen Schreckensvisionen macht vor allem der ultra-nationalistische Bürgermeister des Grenzdorfs Asotthalom Stimmung: Der Rathauschef Laszlo Toroczkai, 2006 einer der Anführer der Straßenproteste gegen den sozialistischen Premier Ferenc Gyurscany, war einer derjenigen, der den Bau des Grenzzauns verlangt hat, mit dem Ungarn vor Kurzem bei Morahalom begonnen hat. Der gesamte 175 Kilometer lange serbisch-ungarische Grenzabschnitt soll nach jüngster Anweisung Orbans schon bis zum 31. August durch einen vier Meter hohen Drahtzaun abgeriegelt werden, dessen oberer Teil aus Klingendraht besteht. Dieser von der Nato verwendete Draht hat anstelle von Stacheln messerscharfe Klingen.

Wird dieser Zaun den Migrantenstrom aufhalten? "Ich weiß es nicht, wir werden sehen", sagt Oberst Eberhardt. Begeistert klingt das nicht. Verbreitet sei vor allem die Angst, dass die Migranten Krankheiten einschleppen. "Die Durchschnittsmenschen denken an Krankheit, wenn sie das Wort Afrika hören."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-07-28 15:26:05
Letzte Änderung am 2015-07-28 16:20:04


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