• vom 04.08.2015, 20:30 Uhr

Europastaaten


Minen

Die unsichtbare Gefahr




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Von WZ-Korrespondent Michael Biach

  • Rund 120.000 Minen liegen noch immer in den bosnischen Wäldern vergraben.

Die Entminer gehen in systematischer Kleinarbeit vor. Ein Fehler kann tödlich sein. - © n-ost/Michael Biach

Die Entminer gehen in systematischer Kleinarbeit vor. Ein Fehler kann tödlich sein. © n-ost/Michael Biach

Skipovac Donji. (n-ost) Todor Jankovic kann sein Glück noch immer nicht fassen: Wenige Monate ist es her, dass der 62-Jährige nahe seinem Haus in Skipovac Donji beim Holzsammeln eine Mine aktivierte. Sie war so konstruiert, dass sie nach dem Auslösen einen halben Meter über der Erde explodiert und eine tödliche Splitterladung abgibt. Doch die Mine versagte und fiel als Blindgänger zu Boden. "Ich weiß, ich hatte unfassbares Glück", bemerkt er verlegen. Seit knapp zehn Jahren leben er und seine Frau in unmittelbarer Nähe der unsichtbaren Gefahr. Einen Meter hinter dem Grundstück markieren rote Warnschilder mit Totenköpfen den Beginn des Minenfeldes. Zwei Jahrzehnte sind seit dem Ende des Bürgerkrieges in Bosnien vergangen, doch noch immer liegen 120.000 Minen entlang der ehemaligen Frontlinien vergraben.

"Mein Sohn Mato ist mit Minen groß geworden", erzählt Jana Spionjak aus Grebnice. In Bosnien wird bereits Kleinkindern beigebracht, auf die roten Warnschilder zu achten. Dennoch ist die Gefahr stets präsent. Mato und sein Vater Joso gingen vor den Wintermonaten täglich auf Suche nach Brennholz, welches in der kalten Jahreszeit lebensnotwendig ist. "Joso war vorsichtig und hat markierte Gebiete gemieden", weiß Spionjak. Dennoch passierte letzten September die Tragödie. "Er löste beim Holzsammeln eine Mine aus und war sofort tot." Mato überlebte schwer verletzt. "Der Junge war hinter dem Traktor, mit dem das Holz transportiert wird. Sonst hätte er kaum überlebt", sagt Spionjak.


600 Tote durch Landminen
seit Kriegsende

Grebnice liegt am Fluss Sava, der im Frühjahr 2014 von der Flut am Balkan stark betroffen war. Viele Minen wurden weggespült und Gebiete, die zuvor als sicher galten, mussten neu markiert werden.

Seit dem Kriegsende vor 20 Jahren wurden 1732 Personen in Landminenunfälle verwickelt. 600 starben, der Rest wurde zum Teil schwer verletzt, in vielen Fällen mussten Gliedmaßen amputiert werden. Doch es gibt auch eine positive Entwicklung: Der Tod von Joso Spionjak war bisher der letzte fatale Unfall in Bosnien. Noch nie hat es seit Kriegsende eine so lange Zeit ohne Unfälle gegeben.

Eine der erschütterndsten Familienchroniken ist jene von Razija Aljic aus Lukavica Rijeka. Als sie nach dem Krieg in ihr Haus zurückkehrte, waren die umliegenden Wälder vermint. Ein Jahr später stirbt als Erster ihr 19-jähriger Sohn Nedzad in der Nähe des Hauses durch eine Mine. "Es vergingen keine zwei Jahre bis zum nächsten Unfall", erzählt Aljic über den Tod ihres Ehemannes. Auch er war im Wald, um Brennholz zu suchen. "Die letzte Explosion war dann so laut, dass ich sie bis in die Küche hörte", bringt Razija ihre Leidensgeschichte zu Ende. Die Detonation einer Splittermine tötet 2011 auch noch ihren zweiten Sohn und dessen Schwager.

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Schlagwörter

Minen, Bosnien-Herzegowina

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-08-04 18:44:04
Letzte Änderung am 2015-08-04 19:04:21


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