• vom 23.03.2016, 18:26 Uhr

Europastaaten

Update: 23.03.2016, 18:50 Uhr

Flughafen

Weiche Ziele




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  • Flughäfen und Bahnhöfe sind trotz erhöhter Polizeipräsenz praktisch nicht zu schützen.

Die Polizeipräsenz wurde auf Europas Flughäfen massiv erhöht, so auch in Frankfurt.

Die Polizeipräsenz wurde auf Europas Flughäfen massiv erhöht, so auch in Frankfurt.© ap/Probst Die Polizeipräsenz wurde auf Europas Flughäfen massiv erhöht, so auch in Frankfurt.© ap/Probst

Brüssel/Wien. (da) Drei Männer schieben Gepäckwagen mit großen Taschen. Diese vermeintliche Alltagsszene lieferten Überwachungskameras am Brüsseler Airport Zaventem von den mutmaßlichen Attentätern vom Dienstag, die elf Personen in den Tod rissen. Zwei der Männer trugen jeweils an der linken Hand einen Lederhandschuh. Darunter habe sich der Zünder für die Bomben befunden, schätzen Sicherheitsexperten. Ein solches Detail in Echtzeit via Überwachungskamera zu erkennen, ist praktisch unmöglich. Doch ein monströses Verbrechen wie dieses verlangt nach zwei Gegenreaktionen: erstens einer sichtbaren Sofortmaßnahme. Polizei und Militär sind auf den Flughäfen in der EU derzeit omnipräsent. Dazu kommt eine politische Gegenreaktion, um Handlungsstärke zu beweisen. Und so war die EU-Kommission am Mittwoch zur Stelle: Sie erwägt laut einem Bericht der "Welt", die Einführung von Sicherheitskontrollen bereits vor Eintritt in das Flughafengebäude.

Bis zum Anschlag waren die Eingangshallen und Check-in-Bereiche in Brüssel frei zugänglich. So ist es in der EU üblich, auch in Wien. Terroristen können bestimmte Teile von Flughäfen also leicht treffen, diese sind sogenannte weiche Ziele. Das gilt auch für Restaurants und die Konzerthalle Bataclan in Paris. Vor oder in jenen Orten hatten Anhänger der Terrormiliz IS im November 130 Personen erschossen.


"Wir müssen akzeptieren, dass weiche Ziele auf Dauer nicht geschützt werden können", sagt daher Ulf Brüggemann, Regierungsdirektor an der deutschen Bundesakademie für Sicherheitspolitik im "Deutschlandradio Kultur".

Als Gegenbeispiel dient oft der Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv. Dort beginnen die Kontrollen Kilometer abseits des Terminals, bei der Bahnstation und der Autozufahrt. Vor dem Eingang zum Terminal stehen dann Wächter mit Metalldetektoren. Danach folgen eine Gepäckkontrolle und eine persönliche Befragung. Kaum ein Israel-Reisender, der nicht von absurden Fragen berichtet, etwa, ob man von jemandem eine Bombe erhalten haben könnte. Polizei und Inlandsgeheimdienst geht es dabei aber um anderes; sie wollen verhaltensauffällige Personen herausfischen.

Als erfolgsversprechend wird in der Branche die Fortsetzung dessen gesehen, "Social Profiling". Im Zusammenspiel von menschlicher Beobachtungsgabe mit Computerprogrammen sollen Verdächtige identifiziert werden.

Das Befragungsmodell Tel Avivs ist aber nicht auf Europa übertragbar, alleine aus Kapazitätsgründen. Werden in Israels Metropole nur rund 15 Millionen Passagiere pro Jahr abgefertigt, sind es schon in Wien und Brüssel rund 23 Millionen, Frankfurt kommt gar auf 61 Millionen.

In der EU-Kommission verweist man auf den Moskauer Flughafen Domodewo. Dort wurden nach einem Selbstmordanschlag mit 36 Toten 2011 die Regeln geändert: Reisende und Besucher müssen bereits beim Eingang die Handtaschen öffnen, Hosen- und Jackentaschen leeren und durch einen Metalldetektor gehen. Das Hauptgepäck wird durchleuchtet. Nach dem Check-in folgt die eigentliche Flugsicherheitskontrolle.

Von einer "Phantomdiskussion" spricht hingegen Volker Zintel Ex-Sicherheitschef des Frankfurter Flughafen-Betreibers. Es gebe immer eine Schnittstelle zwischen der Sicherheitskontrolle und dem öffentlichen Bereich. Das Sicherheitsrisiko könnte vielleicht nur verlagert werden, stimmte der Chef des Münchener Flughafens, Michael Kerkloh, in die Bedenken ein. Denn vor Terminals könnten sich lange Warteschlangen bilden, die Menschen dort wären genauso wehrlos bei einem Angriff wie im Terminal.

Dieses Problem tritt noch stärker bei Bahnhöfen und U-Bahn-Stationen zutage; deswegen wählten die Attentäter von Brüssel Maalbeek. Letztlich sind Städte an jeder Stelle verwundbar, Attentäter können genausogut auf einem symbolträchtigen Platz zuschlagen. Urbanität bedeutet auch Ungewissheit.

AUA streicht Flüge bis Montag
Der Flughafen Zaventem bleibt bis inklusive Freitag für den Passagierverkehr geschlossen. Die AUA kündigte an, dass bis inklusive Montag ihre Wien-Brüssel-Flüge ausfallen werden: Grund sei die zerstörte Infrastruktur am Brüsseler Flughafen nach dem Terroranschlag. In Brüssel sei derzeit keine Abfertigung für Passagiere möglich. Als Ersatz bietet die AUA den Passagieren Destinationen im Umfeld der belgischen Hauptstadt.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-03-23 18:29:04
Letzte Änderung am 2016-03-23 18:50:26


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