• vom 24.03.2016, 18:25 Uhr

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Update: 24.03.2016, 23:02 Uhr

Srebrenica

Schuldig des Völkermordes




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  • Der ehemaliger Anführe der bosnischen Serben wegen des Srebrenica-Massakers zu 40 Jahren Haft verurteilt.

Radovan Karadzic will nicht für das Srebrenica-Massakers im Jahr 1995 verantwortlich sein. An die 8000 Opfer erinnern in der Gedenkstätte Potocari heute weiße Steinsäulen. - © afp/ap

Radovan Karadzic will nicht für das Srebrenica-Massakers im Jahr 1995 verantwortlich sein. An die 8000 Opfer erinnern in der Gedenkstätte Potocari heute weiße Steinsäulen. © afp/ap

Den Haag. (rs) Dass es ein historischer Prozess sein würde, war bereits klar, bevor die Richter überhaupt zu einer Entscheidung gekommen waren. Denn mit Radovan Karadzic stand in Den Haag nicht nur ein ehemaliger Seelenarzt vor Gericht, dem seine Gegner vorwerfen, selbst keine Seele zu besitzen. Der ehemalige Präsident der bosnischen Serben ist auch der höchstrangige europäische Politiker, über den ein Urteil gesprochen wurde, seit die letzten übrig gebliebenen Nazi-Größen in Nürnberg auf der Anklage-Bank saßen.

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Und ganz ähnlich wie die Angeklagten damals sah auch Karadzic keine unmittelbare Schuld bei sich. Er habe keinen Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina gewollt, hatte der 70-Jährige vor dem UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien (ICTY) mehrmals betont. Verantwortlich sei er bestenfalls moralisch, Kriegsverbrechen habe er aber keine angeordnet. Vieles, was zwischen 1992 und Ende 1995 vor sich ging, habe er zudem gar nicht gewusst, sagte Karadzic.


Eine Darstellung, der die Richter in Den Haag so allerdings nicht folgen wollten. Sie verurteilten Karadzic wegen des Völkermordes in Srebrenica zu 40 Jahren Haft. Der Angeklagte sei "strafrechtlich verantwortlich" für die Tötung von 8000 Männern und Burschen in der ostbosnischen Stadt, sagte der Senatsvorsitzende O-Gon Kwon. Mit dem festgesetzten Strafmaß blieben die Richter allerdings unter den Forderungen der Anklagevertretung, die für lebenslange Haft plädiert hatte.

Insgesamt wurde Karadzic in zehn von elf Anklagepunkten schuldig gesprochen, in einem Völkermord-Anklagepunkt wurde er aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Für sieben kleine ostbosnische Gemeinden gebe es keine Beweise, dass ein Völkermord stattgefunden habe, befanden die Richter. Zu Ende dürfte die Sache damit aber noch nicht sein. Laut seinem Anwalt will Karadzic gegen das Urteil berufen.

Unter Karadzics Oberbefehl hatten serbische Truppen 1995 die UNO-Schutzzone im bosnischen Srebrenica gestürmt, in der zehntausende bosniakische Muslime Zuflucht gesucht hatten. Als der entscheidende Angriff auf Srebrenica startete, leisteten die etwa 300 niederländischen Blauhelme keinen Widerstand. Auch ein Angriff von Nato-Flugzeugen auf die bosnisch-serbischen Stellungen über der in einem engen Tal zwischen den Bergen liegenden Kleinstadt wurde wegen schlechter Witterungsverhältnisse bald eingestellt. In den Tagen nach der Erstürmung der Stadt wurden rund 8000 muslimische Burschen und Männer aussortiert und anschließend im Rahmen von Massenexekutionen brutal ermordet. Das jüngste Todesopfer war erst 13 Jahre alt, das älteste 94.

Das Massaker von Srebrenica, das als schlimmstes Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gilt, dürfte dabei ein Teil der strategischen Überlegungen gewesen sein. Unter dem unmittelbaren Befehl von Militärchef Ratko Mladic, der ebenfalls in Den Haag vor Gericht steht, wollte man sich einerseits für zuvor erlittene Angriffe rächen, gleichzeitig sollte den Bosniaken aber auch das Prinzip der "ethnischen Säuberungen" drastisch vor Augen geführt werden.

Jahrelang untergetaucht
Das UNO-Kriegsverbrechertribunal erhob bereits wenige Wochen nach dem Massaker eine erste Anklage gegen Karadzic und Mladic, doch es sollte eine lange Zeit dauern bis die beiden damals meistgesuchten Männer des Kontinents zum ersten Mal auf der Anklagebank Platz nahmen. Karadzic, der am 30. Juni 1996 seine Befugnisse als bosnisch-serbischer Präsident auf seine damalige enge Mitarbeiterin Biljana Plavsic übertragen hatte, verschwand danach für Jahre von der Bildfläche. Eine Zeit lang wurde er in Russland vermutet. Immer wieder gab es auch Gerüchte, dass sich Karadzic, der erst 1989 seine Tätigkeit als Psychiater aufgab, um Politiker zu werden, in serbisch-orthodoxen Klöstern verstecken würde. Manche seiner Landsleute hielten ihn auch schlicht und einfach für tot.

Im August 2008 wurde Karadzic dann völlig überraschend in Belgrad festgenommen, wo er unter dem Namen Dragan Dabic als Heilpraktiker tätig war. Bis dahin dürfte sich Karadzic, der sich einen weißen Vollbart hatte wachsen lassen und nun eine dicke Brille trug, relativ sicher gefühlt haben. Als Dragan Dabic veröffentlichte er mehrere Fachartikel, aber auch Romane, Gedichtsammlungen und ein Kinderbuch. In einem kleinen Beisl in Neu-Belgrad griff er hie und da auch gerne zur Gusla, einem in der Balkanregion verbreiteten traditionellen Streichinstrument.




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Dokument erstellt am 2016-03-24 18:29:05
Letzte Änderung am 2016-03-24 23:02:23



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