"Ich halte überhaupt nichts davon, mit der AfD zusammenzuarbeiten." - © Stanislav Jenis
"Ich halte überhaupt nichts davon, mit der AfD zusammenzuarbeiten." - © Stanislav Jenis

"Wiener Zeitung":Für Ihr neues Buch "Reichtum ohne Gier" gab es auch von konservativer Seite überraschend große Zustimmung.

Sahra Wagenknecht: Auch im konservativen Lager sind viele der Meinung, dass es so wie gegenwärtig nicht weitergehen kann. Die alten Gegensatzpaare – Staatswirtschaft versus Privatwirtschaft, Planwirtschaft versus Marktwirtschaft - sind längst überholte Stereotype.

Sie wollen Banken und Konzerne zurückstutzen, eine straffe Regulierung des Finanzsektors mit Einführung der "Gemeinwohlbank" nach dem Sparkassen- und Genossenschaftsmodell. Wie soll das umgesetzt werden?

Es geht nicht um Verstaatlichung, sondern um eine Organisation von Unternehmen, die sich am Stiftungsmodell anlehnt. Eine Rechtsform, bei der ein Unternehmen sich selbst gehört. Der Begriff "Stiftung" hat einen unguten Beigeschmack bekommen, weil einige nur als Camouflage zur Steuervermeidung gegründet wurden. Mir geht es um ein Modell erfolgreicher Unternehmen, in denen kein externer Eigentümer mehr Geld aus dem Unternehmen ziehen kann und das Unternehmen auch nicht weitervererbt wird, weil dann zumindest in großen Unternehmen immer auch Wirtschaftsmacht vererbt wird. Unternehmen sind nach meinem Verständnis eben keine Sache im Sinne des bürgerlichen Eigentumsbegriffs, sondern sie sind Organisationen, die von der Arbeit und dem Zusammenwirken von tausenden Menschen leben. Die Erträge des Unternehmens sollten somit auch nicht einigen wenigen zugutekommen, sondern denen, von deren Leistung der Erfolg dieses Unternehmens abhängt. Zweiter positiver Effekt: Es gäbe auch keine Wirtschaftsmacht in privater Hand mehr, die Politiker erpressen kann, denn wir erleben ja immer wieder, wie Konzerne ganzen Staaten ihre Interessen aufzwingen.

In der Praxis ist das unrealistisch.

Überhaupt nicht. Mir geht es in dem Buch darum, wieder eine Debatte über eine andere Wirtschaftsordnung zu beginnen. Die ist ja völlig eingeschlafen. Es hat sich nach 1989 ein Verständnis breitgemacht, dass der Kapitalismus das Ende der Geschichte sei, ob man ihn nun gut findet oder nicht. Aus dieser Lethargie müssen wir heraus. Wenn sich in einer Gesellschaft der Wohlstand der Mehrheit nicht erhöht, sondern sich die wirtschaftliche und soziale Situation vieler Menschen verschlechtert und heute die meisten davon ausgehen müssen, dass es ihren Kindern einmal schlechter gehen wird als ihnen selbst, dann zeigt das, dass das heutige Wirtschaftssystem nicht mehr funktioniert und es seine Versprechungen nicht mehr einlöst. Denn es ist doch längst nicht mehr so, dass jeder, der sich anstrengt, auch eine Chance erhält. Oder dass der Wohlstand von der eigenen Leistung abhängt. Heute hängt vieles von der Herkunft ab, und darüber müssen wir diskutieren.

Wem sind eigentlich transnationale Konzerne verantwortlich?