• vom 13.07.2016, 23:52 Uhr

Europastaaten

Update: 14.07.2016, 11:12 Uhr

Boris Johnson

Überraschende Rückkehr des Mister Brexit




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Von WZ Onbline, APA, dpa

  • Der Wortführer der EU-Austrittskampagne ist neuer britischer Außenminister.

London. Er war das Gesicht der Brexit-Kampagne und der Wortführer der Europagegner in Großbritannien. Doch nach seinem Triumph beim Brexit-Votum der Briten verschwand Boris Johnson erst einmal von der Bildfläche, statt sich strahlend dem Land zu präsentieren. Das Amt des Premierministers, für das er im Gespräch war, schnappte ihm die zielstrebige Theresa May weg.

Doch am Mittwoch kam die überraschende Rückkehr des exzentrischen Konservativen: Johnson wurde zum neuen britischen Außenminister ernannt. Manchem überzeugten Europäer dürfte nun nichts Gutes schwanen.

Dass sich die Briten am 23. Juni tatsächlich mit knapper Mehrheit für den EU-Austritt entschieden, lag nicht zuletzt an Johnson - dem populären einstigen Bürgermeister von London mit seinem charakteristischen blonden Haarschopf. Mit seinem schelmischen Lachen, seiner Intelligenz und Schlagfertigkeit überzeugte der 52-Jährige viele Briten, denen der Rechtspopulist Nigel Farage zu radikal war.

Seinen Anhängern versprach Johnson, das Brexit-Referendum werde zum "Unabhängigkeitstag" Großbritanniens werden. Einmal ging Johnson sogar so weit, die EU mit Hitler zu vergleichen - aber auch das schadete seinem Rückhalt nicht.

Kritiker warfen Johnson vor, sich aus reinem Opportunismus an die Spitze des Brexit-Lagers gestellt und aus persönlichen Motiven die Zukunft des Königreichs aufs Spiel gesetzt zu haben. Der frühere Journalist hatte einst als Korrespondent in Brüssel mit - teils erfundenen - Geschichten über den Regulierungswahn der EU-Bürokraten dazu beigetragen, Europa bei seinen Landsleuten in Verruf zu bringen.

Nach dem kurz nach dem Brexit-Votum angekündigten Rücktritt seines innerparteilichen Rivalen David Cameron als Premierminister galt Johnson zunächst als aussichtsreicher Kandidat für die Nachfolge. Doch dann tauchte Johnson tagelang ab, enttäuschte EU-Anhänger wüteten gegen ihn, er brauchte Polizeischutz und in einer Zeitungskolumne erklärt er dann auch noch, der Austritt aus der EU habe "keine Eile".

Am Ende verzichtete Johnson darauf, für das Amt des Tory-Chefs und damit auch den Posten des Premierministers zu kandidieren. Einstige Brexit-Weggefährten hatten ihm zuvor die Eignung zum Regierungschef schlicht abgesprochen.

In Brüssel machte sich daraufhin Erleichterung breit, trotz des Entsetzens über das Brexit-Votum und trotz der Kritik an Johnsons Abtauchen. "Ich dachte, das Brexit-Lager habe einen Plan", stichelte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker Anfang Juli. Stattdessen würden dessen Anführer das "sinkende Schiff" verlassen.

Nun ist Johnson aber auf einem äußerst einflussreichen Posten zurück - jener Mann, der die EU für überholt hält. Nach dem Brexit-Votum hatte er gesagt, die EU sei "eine noble Idee für ihre Zeit" gewesen, doch "nicht länger richtig für dieses Land".

Johnson stammt aus einer wohlhabenden Politikerfamilie. Sein Vater war
als Konservativer Mitglied im Europäischen Parlament, sein Bruder Jo war Minister in Camerons Kabinett und seine Schwester Rachel arbeitet als Journalistin. Alle drei sprachen sich für den Verbleib in der EU aus. Johnson selbst begann seine politische Karriere 2001 als Abgeordneter, bevor er 2008 zum Bürgermeister von London gewählt wurde - eine Stadt, die traditionell eher links wählt.

Dem blonden Hünen, der 1964 in New York als Alexander Boris de Pfeffel Johnson zur Welt kam, war der Machthunger in die Wiege gelegt. Schon als kleiner Bub habe er danach getrachtet, "König der Welt" zu werden, vertraute seine Schwester Rachel dem Biografen Andrew Gimson an.

An der Elite-Universität in Oxford habe Johnson dann in Studienjahren einen derartigen Eindruck hinterlassen, "dass niemand daran zweifelte, er werde eines Tages Premier". So weit ist es nun zwar noch nicht gekommen - aber als britischer Außenminister hat er bei den Brexit-Verhandlungen mit der EU ein gewichtiges Wort mitzureden.





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Dokument erstellt am 2016-07-13 23:53:17
Letzte nderung am 2016-07-14 11:12:18



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