• vom 10.08.2016, 22:30 Uhr

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Update: 10.08.2016, 22:47 Uhr

Türkei

"Stehen an Schwelle zum Bürgerkrieg"




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Von WZ-Korrespondent Frank Nordhausen

  • Der Journalist Ahmet Sik kennt die Gülen-Bewegung wie kein Zweiter.

Denunziation als Bürgerpflicht. Erdogan ruft türkische Manager dazu auf, mögliche Gülen-Anhänger zu nennen. - © ap

Denunziation als Bürgerpflicht. Erdogan ruft türkische Manager dazu auf, mögliche Gülen-Anhänger zu nennen. © ap

"Wiener Zeitung":Herr Sik, in der Türkei werden Bücher des Islampredigers Fethullah Gülen verbrannt. Besitzen Sie noch welche?

Ahmet Sik: Natürlich. Ich bin Journalist, und das ist eine Bewegung, über die ich recherchiere. Wäre das kriminell, könnte die Forschung über jedes beliebige Thema kriminalisiert werden. Alles was ich 2011 in meinem Buch geschrieben habe, hat sich bewahrheitet, aber ich wünschte, ich hätte nicht Recht behalten. Hätten wir damals die Chance gehabt, die Gefahren öffentlich zu diskutieren, wären viel mehr Menschen vor der Gülen-Bewegung gewarnt worden.

Sie kennen die Gülen-Bewegung wie kein Zweiter. Haben die Gülenisten im Militär diesen Putsch organisiert?

Ich glaube, dass sie der wichtigste Akteur bei der Planung des Staatsstreichs waren, aber es waren noch andere Gruppen beteiligt. Eine zweite große Gruppe von Offizieren gehört nicht zur Gülen-Bewegung, aber wir wissen nicht genau, welche politische Ausrichtung sie vertritt. Die beiden Gruppen brachte einzig ihre Feindschaft gegenüber der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP und Präsident Erdogan zusammen. Eine dritte, vermutlich kleinere Gruppe wollte damit ihre Karriere befördern.

Was wollten die Gülenisten erreichen?

Wir haben inzwischen eine klare Vorstellung, warum Militärangehörige aus der Gülen-Bewegung putschten. Die Streitkräfte sind diejenige Institution im Land, wo sich die Gülenisten am erfolgreichsten tarnten. 2012 brach ein Krieg zwischen ihnen und der AKP über die Macht im Land aus. Um die Gülenisten aus dem Militär zu entfernen, nutzte man ab 2012 das Yas, die jährliche Beförderungsversammlung des Militärs im August. Mit dem Putsch wollten sie dem diesjährigen Yas zuvorkommen, das am 3. August stattfinden sollte.

Wie konnte man denn feststellen, wer ein Gülenist ist, wenn sie sich tarnten?

Es fanden seit zwei Jahren Ermittlungen über Gülenisten im Militär statt, und am Ende dieser Untersuchung wurden Beweise dafür gefunden. Es wird behauptet, dass die Namen dieser mutmaßlichen Gülenisten auf einer Liste von Personen standen, die am 16. Juli, also einen Tag nach dem Putschversuch, festgenommen werden sollten.

Von dem Putsch war aber nichts bekannt?

Öffentlich wurde die Information verbreitet, dass der MIT am 15. Juli gegen 16 Uhr vom Putschplan erfuhr, der Präsident aber erst um 21.30 Uhr informiert wurde. Wenn das so ist, müsste der Geheimdienstchef sofort abtreten. Stattdessen reist er mit dem Präsidenten zu Gesprächen nach Russland.

In der Tat fragt man sich, warum es rund drei Wochen nach dem Putsch und offenkundigen Folterungen noch immer keine Informationen über den Chef des Putsches gibt?

Stimmt. Man sagt uns nur, dass Gülen hinter dem Putschversuch steckt, was auch ich für wahrscheinlich halte. Aber offensichtlich gab es auch eine militärische Nummer eins und einen zivilen Anführer, der dann Ministerpräsident hätte werden sollen. Obwohl inzwischen eine Reihe von Geständnissen verhafteter Offiziere an die Medien durchsickerte, gibt es noch immer keine Informationen über den Operationsplan der Putschisten für den Fall, dass der Putsch erfolgreich gewesen wäre.

Es ist schwer vorstellbar, wie ideologisch verfeindete Gruppen wie Gülenisten und Kemalisten bei dem Putsch an einem Strang ziehen sollten.

Ich glaube auch nicht, dass sie in der Lage gewesen wären, zusammenzuarbeiten. Wenn sie Erfolg gehabt hätten, hätten wir wahrscheinlich eine Periode aufeinander folgender Putsche erlebt.

Warum scheiterte der Staatsstreich? Es heißt, die Putschisten wurden verraten. Hatten sie sich schon vorher zerstritten?

Ja, das glaube ich. Es wird gesagt, dass einige Putschisten sich vom Rest abspalteten. Ein Major, dem man einen bestimmten Befehl erteilte, ging zum MIT und offenbarte den Putschplan um
16 Uhr. Danach ging der MIT zum Generalstabschef und hielt mit ihm ein Dauermeeting ab. Es wurde ein Startverbot für Kampfjets und Panzer verhängt, obwohl später erwiesenermaßen Jets starteten und Panzer losfuhren. Es wurde viel telefoniert, es wurden Versprechungen gemacht. Wir wissen aber sehr wenig über die genauen Vorgänge.

Immerhin hat das Volk den Putschversuch abgewehrt.

Obwohl alle schon gegen 22 Uhr von dem Putschversuch wussten, gingen die Leute erst nach Mitternacht auf die Straße, als der Präsident im Fernsehen sprach und sie dazu aufrief. Und obwohl ich allergrößten Respekt vor allen habe, die hinausgingen und ihre Wählerstimmen gegen die Putschisten verteidigten, sehe ich nicht, dass ihr Verständnis von Demokratie und meines das Gleiche sind. Ich glaube, eine hohe Prozentzahl von denen, die auf die Straßen gingen, wollten nicht die Demokratie als solche verteidigen, sondern ein gemeinsames Interesse, dass sie dank der Klientelpolitik dieser Regierung haben.

Die Verhaftungen erfolgen auch aufgrund von Geständnissen. Wie glaubhaft sind die Bekenntnisse von Putschoffizieren, die offensichtlich gefoltert wurden?

Im Moment sind alle Geständnisse fragwürdig, denn es gibt weitverbreitete Berichte, dass sie durch Folter erzielt wurden. Hoffentlich können wir im Prozess mehr erfahren. Dass die Gülen-Bewegung hinter dem Putsch steht, daran habe ich nicht den geringsten Zweifel. Durch die angewandten Mittel wissen wir, dass sie Polizei, Militär, Geheimdienst und Justiz vereinnahmen wollten. Wenn man diese vier Säulen einnimmt, dann hat man den Staat erobert. Es scheint, als wollten sie ihre Macht nutzen, um die Gesellschaft zu verändern, nur zu welchem Ziel wissen wir nicht.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-08-10 22:35:05
Letzte Änderung am 2016-08-10 22:47:18


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