• vom 26.10.2016, 17:30 Uhr

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Update: 26.10.2016, 18:09 Uhr

Nepszabadsag

Verkauf an Orbán-Oligarchen




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Von WZ-Korrespondentin Kathrin Lauer

  • Die Redaktion der regierungskritischen Zeitung "Népszabadság" verliert den Kampf um ihr Blatt.

Allen Protesten zum Trotz wurde "Népszabadság", die Skandale aufgedeckt hatte, veräußert. - © reu/Szabo

Allen Protesten zum Trotz wurde "Népszabadság", die Skandale aufgedeckt hatte, veräußert. © reu/Szabo

Budapest. Es kam, wie erwartet: "Népszabadság", die vor Kurzem stillgelegte Zeitung, einst Ungarns größtes regierungskritisches Blatt, gehört jetzt einer Firma, die der rechtsnationalen Regierung von Ministerpräsident Viktor Orbán nahesteht. Die Opimus Group AG mit Verbindungen zum regierungsnahen Oligarchen Lörinc Mészáros, teilte auf der Webseite der Budapester Börse mit, dass sie von der österreichischen Vienna Capital Partners (VCP) die Firma Mediaworks gekauft habe, der neben "Népszabadság" zwölf Regionalzeitungen sowie die Sport-Zeitung "Nemzeti Sport" gehören.

"Ich warte neugierig auf einen Termin zu Gesprächen mit dem neuen Besitzer", sagte András Murányi, beurlaubter Chefredakteur der "Nepszabadsag" der "Wiener Zeitung" am Mittwoch, mit bitterem Unterton. Zwar hatte Opimus angekündigt, jetzt vorrangig über einen eventuellen Neustart der Zeitung entscheiden zu wollen. Für Murányi ist klar, dass es dieses Blatt in seiner früheren Form nicht mehr geben werde. Bei Mediaworks hätten bereits mit Gábor Liszkay und János Loczi zwei führende Figuren der regierungsnahen Zeitung "Magyar Idök" das Sagen.

Sorgen macht sich Murányi auch um das Schicksal des riesigen, immerhin 60 Jahre umspannenden Archivs der Zeitung in Print- und Online-Form, über das jetzt Orbáns Getreue gebieten: "Das Archiv gehört zu unseren gemeinsamen Kulturgütern." Kurz nach dem Volksaufstand 1956 gegründet, war die Zeitung zunächst jahrzehntelang Sprachrohr der regierenden Kommunisten, entwickelte sich aber nach der Wende zu einem liberalen Qualitätsblatt. Von der kommunistischen Vergangenheit war nur noch der Name "Népszabsadsag" ("Volksfreiheit") übriggeblieben. "Das einzige, was ich an der Zeitung nicht mag, ist ihr Name", sagte einst der Romancier Peter Esterházy, der eines linken Fanatismus völlig unverdächtig war.

Schon der Produktionsstopp bei "Népszabadság" vor fast drei Wochen glich einem Überfall. Ohne Vorwarnung blockierte Mediaworks die Redaktionsserver, das Online-Archiv, und den Zugang der Redakteure zu ihren Büros. Der Coup war so überraschend, dass nicht einmal alle Mediaworks-Angestellten vorher informiert waren. Denn am Tag vorher hatte die Firma noch routinemäßig Briefe an Leser abgeschickt mit der freundlichen Aufforderung, doch bitte ihr Abonnement für " Népszabadság" zu verlängern. Mediaworks befand sich zu dem Zeitpunkt im Besitz der VCP unter der Führung von Heinrich Pecina, gegen den in Österreich ein Strafverfahren wegen Korruptionsvorwürfen im Zusammenhang mit der Bankenaffäre um den Hypo-Verkauf läuft.

Pecina hat nun seine Rolle als Orbans Strohmann ausgespielt, der er seit langem verdächtigt wurde. Vor zwei Jahren hatte seine VCP die Mehrheitsanteile der "Népszabadság" von der Schweizer Ringier-Gruppe gekauft, obwohl sich bereits damals regierungsnahe Firmen für das Blatt interessiert hatten. Die Schweizer hätten aus Angst um ihr Image - so kommentieren es die wenigen verbliebenen regierungskritischen Medien in Ungarn - die Zeitung aber bewusst nicht an Orbáns Kreise verkaufen wollen. So sei Pecina zum Zuge gekommen.

Kritik von Ex-EU-Kommissarin

Aus dem Ausland blieben die kritischen Reaktionen zunächst spärlich. "Die ungarische Regierung benutzt Besitzverhältnisse als politisches Werkzeug, um eine kritische Berichterstattung zum Schweigen zu bringen", erklärte die US-Bürgerrechtsorganisation Freedom House. Wenig überrascht äußerte sich wiederum die frühere EU-Kommissarin Viviane Reding. Sie gehört zu den wenigen Kritikern Orbáns aus dessen eigenem Lager auf europäischer Ebene, der Europäischen Volkspartei (EVP). "Wir machen uns schon seit langem Sorgen um die Pressefreiheit und um die Knebelung der Journalisten in Ungarn. Was jetzt geschieht, geht in dieselbe Richtung. Es ist die Konsequenz einer autokratischen Regierungsführung. Also überhaupt keine Überraschung. Dass es (bei der Schließung von Nepszabadsag) wirtschaftliche Gründe gab, scheint ein Vorwand zu sein. In Wirklichkeit waren die kritischen Artikel die Ursache", sagte die EVP-Europaabgeordnete.

Sogar manchen Regierungsmitgliedern ist der Fall nicht geheuer. Orbáns Kulturberater Géza Szöcs fing sich vom Regierungssprecher den Vorwurf ein, der "linken Subkultur" nachzutrauern, weil er es gewagt hatte, öffentlich das Ende der "Népszabadság" zu beklagen. Szöcs, einst Produzent von Samizdat-Schriften in Siebenbürgen während der Ceausescu-Diktatur, war wohl in sich gegangen. Denn kurz vorher hatte der deutsche PEN-Club die Teilnahme an den Feiern zum 90. Geburtstag des ungarischen PEN abgesagt - aus Protest gegen dessen zu große Regierungsnähe, unter der Führung von Szöcs.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2016-10-26 17:35:09
Letzte Änderung am 2016-10-26 18:09:02


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