Alle Fotos © Martin Valentin Fuchs
Alle Fotos © Martin Valentin Fuchs

Chisinau. Wer die offizielle Einwohnerzahl der Republik Moldau herausfinden will, kann sich auf eine Odyssee gefasst machen. Sie führt einen durch Ministerien, zum Mittagessen mit Journalisten und in die Büros von Politologen. Man stößt auf Schulterzucken, widersprüchliche Aussagen, Gelächter. Und nach drei Wochen ohne Antwort hat man das Gefühl, einem Staatsgeheimnis auf der Spur zu sein.

Die Republik Moldau liegt zwischen Rumänien und der Ukraine und hat vor 25 Jahren seine Unabhängigkeit erklärt. Ein Vierteljahrhundert später ist das Land nicht nur das ärmste in Europa, sondern auch Spitzenreiter, was die Abwanderung betrifft. Kein Nachfolgestaat der Sowjetunion hat so viel seiner Population eingebüßt. Der EU-Beitritt des Nachbarlandes Rumänien und die Visa Liberalisierung für Reisen nach Westeuropa haben den Trend noch einmal verstärkt. Italien, Spanien und Portugal gehören zu den beliebtesten Zielländern, nicht zuletzt wegen niedrigen Sprachbarrieren. Im Osten treibt es die Menschen nach Russland. Frauen arbeiten häufig in der Alten- und Krankenpflege, Männer verdienen ihr Geld meist auf Baustellen.

Heute weiß niemand genau, wie viele Menschen tatsächlich in Moldau leben. Die Zahlen der letzten Volkszählung von 2014 wurden noch nicht veröffentlicht. In der Abteilung für Migration im Ministerium für Arbeit, Familie und Soziales bittet man um Geduld. Es dauere eben seine Zeit, bis die Daten fertig ausgewertet sind. Gleichzeitig werden Stimmen laut, die kritisieren, dass die aktuelle Bevölkerungszahl von 3,5 Millionen schon lange nicht mehr stimmen könne. Alternative Quellen, so etwa eine Studie des deutschen Max-Planck-Instituts schätzt, dass die Population bei nur noch 2,9 Millionen Menschen liegt. Das bedeute, dass seit der Unabhängigkeit eineinhalb Millionen Menschen abgewandert sind.

Wenn am Sonntag ein neuer Präsident gewählt wird, nach einer Verfassungsänderung übrigens erstmals seit 16 Jahren wieder direkt von den Bürgern und nicht durch das Parlament (vor dieser Periode gab es die Direktwahl schon einmal), schwingt die Frage mit, ob unter diesen Umständen überhaupt faire Wahlen abgehalten werden können. Laut Wahlbehörde wurden über drei Millionen Kuverts gedruckt. Zu viele? Die investigative Plattform "Rising Moldova" hat Namen von verstorbenen Menschen veröffentlich, die noch immer auf der Wahlliste stehen. So etwa Valentina Drangoi, die am Sonntag offiziell wählen darf, obwohl sie seit 15 Jahren tot ist.

Niedriglöhne, steigende Preise

Korruption, Armut und fehlende Jobs treiben immer mehr Menschen ins Ausland. Das Durchschnittsgehalt eines Lehrers liegt bei 200 Euro im Monat. In der Forst- und Landwirtschaft wird noch weniger ausbezahlt. In ländlichen Regionen reichen die Pensionen nicht einmal aus, um das Brennholz für den Winter zu bezahlen. Ein Bankenskandal, bei dem eine Milliarde US-Dollar durch Offshore-Geschäfte spurlos verschwunden ist, hat zu einer Inflation geführt. Gemüse ist heute doppelt so teuer, als noch vor einem Jahr. Der Strompreis ist um 37 Prozent gestiegen. In Moldau zu überleben sei ein Kunststück, hört man von allen Seiten.

Alle Kandidaten, die sich am Sonntag der Wahl stellen, versprechen, dass sie die verlorene Milliarde zurückholen werden. Doch niemand im Land glaubt daran. "Es ist nicht schwer, aus Moldau eine Perle zu machen", seufzt Vlada, "aber die Regierung investiert das Geld nicht dort, wo es gebraucht wird." Vlada, 30 Jahre, blonde lange Haare, perfektes Englisch, spaziert über den Boulevard in Chisinau, Haken schlagend, weil der Beton an vielen Stellen aufgerissen ist. Es ist schwer, sich seinen Weg durch das Getümmel zu bahnen. Aufgemotzte Geländewagen mit getönten Fenstern brausen an Märkten vorbei, wo man Bettler und Verkäufer nur schwer auseinanderhalten kann.

Vlada beschreibt sich selbst als Optimistin, die drauf und dran ist, den Glauben aufzugeben, weil jeden Monat das Geld fehlt. Ihr Mann, ein studierter Ingenieur, ist auf Gelegenheitsaufträge in der Baubranche angewiesen.

Vlada arbeitet in einem Büro und verdient 160 Euro im Monat. Er will weg. Sie will bleiben. Vlada liebt dieses Land mit seinen Märkten, Trachten und traditionellen Tänzen. Doch an ihrer Lebensgeschichte lässt sich auch ablesen, mit welchen Problemen die Republik seit ihrer Entstehen zu kämpfen hat.

Ältere Menschen sehnen sich zurück nach der Sowjet-Zeit. Politiker wie der Präsidentschaftskandidat Igor Dodon spielen bewusst damit, indem sie eine Annäherung an Russland versprechen. - © Martin Valentin Fuchs
Ältere Menschen sehnen sich zurück nach der Sowjet-Zeit. Politiker wie der Präsidentschaftskandidat Igor Dodon spielen bewusst damit, indem sie eine Annäherung an Russland versprechen. - © Martin Valentin Fuchs

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war ihre Mutter, eine Ärztin, wie so viele arbeitslos. Vlada, die damals fünf Jahre alt war, ist ihrer Mutter bis heute dankbar, dass sie es den zahlreichen Müttern nicht gleichgetan hat, die ihre Kinder bei Nachbarn, Großmüttern oder Tanten zurückließen. Als sie mit 18 Jahren ihr Studium begonnen hat, geht die Mutter doch. Bis zum heutigen Tag muss sie immer wieder nach Italien fahren, um dort einige Monate als Altenpflegerin zu arbeiten. Vlada träumt davon, schwanger zu werden, aber sie und ihr Mann können es sich nicht leisten, ein Baby zu bekommen. Der Staat hat mit Kampagnen und einer Erhöhung des Elterngeldes auf die besorgniserregend niedrige Geburtenrate reagiert. Vlada können sie damit nicht überzeugen. Ihr ist das Risiko zu groß.