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Update: 04.04.2017, 19:23 Uhr

Militär

"Gewaltrituale sind die Norm"




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Von Michael Schmölzer

  • In der Bundeswehr sorgen sexuelle Übergriffe auf Rekruten und Soldatinnen für Aufsehen.



20.000 Frauen bei der Bundeswehr: Erst ab einem Anteil von 30 Prozent voll akzeptiert.

20.000 Frauen bei der Bundeswehr: Erst ab einem Anteil von 30 Prozent voll akzeptiert.© afp 20.000 Frauen bei der Bundeswehr: Erst ab einem Anteil von 30 Prozent voll akzeptiert.© afp

Deutschlands Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen lässt die jüngsten sexuellen Übergriffe und Misshandlungen bei der Bundeswehr untersuchen. Dabei geht es um sadistische Praktiken während der Ausbildung, unter anderem wurden Soldatinnen sexuell bedrängt, Rekruten stundenlang an Stühle gefesselt und mit Wasserschläuchen abgespritzt. Andere hätten sich ausziehen müssen und seien gedemütigt worden, lauten die Vorwürfe. Das deutsche Verteidigungsministerium hat jetzt einen Kriminologen angeheuert, der die Zustände in den Kasernen untersuchen soll. Der Ruf nach besserer und stärkerer Führung wird laut. Für die Wiener Politologin Saskia Stachowitsch sind Demütigungsrituale fixer Bestandteil von Männerbünden, wobei die jüngsten Übergriffe auch eine Reaktion auf die Öffnung der Bundeswehr für Frauen seien.

Wiener Zeitung:Es häufen sich Berichte über merkwürdige gewalttätige und erniedrigende Rituale bei der Bundeswehr, die oft eine starke sexuelle Komponente haben. Überrascht Sie das?

Information

Saskia Stachowitsch unterrichtet an der Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Privatisierung von Sicherheit, Geschlecht und Militär, Parlamentarismus, Antisemitismus und politische Geschichte österreichischer Juden und Jüdinnen

Saskia Stachowitsch: Wir kennen das aus den USA und anderen Streitkräften. Die Bundeswehr ist mit derartigen Themen noch nicht massiv aufgefallen. Ob das jetzt dort gehäuft auftritt oder ob das Schweigen gebrochen wird, ist schwer abzuschätzen. Das ist aber ein Muster, das wir immer wieder beobachten, wenn männlich dominierte Institutionen einem Wandel unterliegen, wenn sich die Homogenität in einer Gruppe aufzulösen beginnt. Dann finden diese Übergriffe auf Frauen statt. Diese Aufnahmerituale gehen aber nicht auf die Frauenintegration an sich zurück. Es ist ein generelles Phänomen, dass Männerbünde sexualisierte und erniedrigende Rituale entwickeln. Das gibt es auch im zivilen Bereich, etwa bei manchen amerikanischen Studentenverbindungen.

Wenn man bei der Wehrmacht beginnt und sich dann die frühe Bundeswehr ansieht: Da gab es diese Schleifer, die die Rekruten bis zum Umfallen geschunden haben. Als Bestrafung. Das hat sich in die Bundeswehr herübergerettet. Hat sich die Art der Misshandlung geändert, eben weil es jetzt seit ein paar Jahren Frauen bei der Bundeswehr gibt?

Ich würde die Hypothese aufstellen, dass sich das nicht wesentlich verändert hat. In der Ausbildungsphase gibt es diese Konstruktion, dass man alle Soldaten diszipliniert, gleichmacht und vom zivilen Leben trennt. Man organisiert den Übergang vom zivilen in das militärische Leben und das militärische Leben bedeutete bis vor kurzem eben, in diesem Männerbund aufzugehen.

Man vernichtet die zivile Persönlichkeit und baut eine neue auf. Kann man das so sagen?

Das ist das althergebrachte Denken, dass man die jungen Männer von ihrem zivilen Leben trennt und auch diese Grenzüberschreitungen von ihnen verlangt. Im Endeffekt will man sie motivieren zu töten und zu kämpfen und Gewalt auszuüben und das braucht eine gewisse Loslösung von sozialen Bindungen, Werten und Normen des zivilen Lebens. Es gibt die Theorie, dass das die Grundlage ist, damit eine Armee überhaupt funktioniert. Das würde ich aber kritisch betrachten. Es gibt genauso viele Studien, die sagen, dass das kein funktionales Verhalten ist. Diese Art von männerbündischen und hypermaskulinen Ritualen und Verhalten ist etwas, das vielleicht den Männerbund stärkt, aber das Militär in seiner Effektivität nicht unterstützt, ja Effektivität sogar verhindern kann, weil es Disziplinstrukturen zerstört und Vertrauen und Beziehungen der Rekruten untereinander schädigt. Es ist eine umstrittene Frage: Gibt es ein Militär, das ohne solche Rituale auskommt? Diese Loslösung vom Zivilen war immer schon etwas, was mit einer starken Feminisierung verbunden war. Man lässt die Rekruten in vermeintlich weibliche Rollen schlüpfen . . .

. . . Männer werden als Frauen beschimpft. Wenn ich an den Stanley-Kubrick-Klassiker "Full Metal Jacket" denke. Da gibt es einen Soldaten, der vom sadistischen Ausbilder-Sergeant Hartman als "Private Schneewittchen" verunglimpft wird. Alle Rekruten sind für Hartman per se "Ladys". . .

Die Abwertung funktioniert oft über diese Geschlechter-Stereotypen. Und über eine frauenfeindliche Haltung. Wenn Frauen dann in solche Institutionen vordringen, dann wird Verschiedenes verkompliziert und bricht auf. Wenn die Rekrutinnen Kameradinnen sind, und mit denen soll man kämpfen, auf die soll man sich verlassen, ist es problematisch, wenn ich Rituale habe die besagen, dass Frauen von diesem Bund ausgeschlossen sind. Und es gibt natürlich auch Rituale, die nicht nur massiv Frauen, sondern alle Männer schädigen, die nicht diesem hegemonialen Typus entsprechen. Das ist etwas, was die Homosexuellen-Bewegung immer wieder angeprangert und angesprochen hat. Dass das eine Art von Männlichkeit konstituiert, die viele, die im Militär dienen, ausschließt und als minder definiert. Das ist der Boden, auf dem alle mögliche Gewalt gedeiht.

Wobei auffällig ist, dass Homosexualität auch bei diesen brutalen Schleifern eine große Rolle spielt. Homosexualität wird da ja verwendet.

Ja. Es geht um diese Grenzüberschreitung und es gibt Studien, die besagen, dass es bei diesen Ritualen auch darum geht, erlaubte Homosexualität zu konstituieren. Und das wird natürlich auch infrage gestellt und problematisiert, wenn dann "echte" Homosexuelle im Militär dienen. Das ungefährliche Spiel mit der Homosexualität wird problematisiert, wenn sexuelle Minderheiten auch im Militär sind.


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Dokument erstellt am 2017-04-04 17:51:10
Letzte Änderung am 2017-04-04 19:23:13



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