• vom 11.04.2017, 20:58 Uhr

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Update: 12.04.2017, 09:00 Uhr

Ukraine

Der Beginn der Stunde Null




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Von WZ-Korrespondentin Simone Brunner

  • Vor drei Jahren fiel Slowjansk in die Hände der pro-russischen Separatisten - der Krieg in der Ostukraine begann.

Maskierte russische Soldaten marschierten am 12. April 2014 in Slowjansk ein. - © epa/Shipenkov

Maskierte russische Soldaten marschierten am 12. April 2014 in Slowjansk ein. © epa/Shipenkov



Slowjansk. Eine schusssichere Weste, ein Föhn und Kinderfotos. Das sind die Dinge, mit denen Katja damals aus Donezk floh. Dass es ein Abschied auf Jahre, vielleicht sogar für immer sein könnte, hätte sie sich damals nie gedacht. Fünf Mal ist sie mit ihrer Familie allein im vergangenen Jahr schon umgezogen. "Ich bin von alledem schon so unendlich müde geworden", seufzt sie.

Es ist nur eine der Geschichten, die die Wände im Jugendzentrum erzählen. Junge Ostukrainer, die in Fotos und Texten ihr Leben seit der Flucht aus dem Kriegsgebiet dokumentieren. Jewgenij Skripnik, ein schlaksiger Jugendlicher im Kapuzenpulli, führt durch die Räume. Der Krieg hat viel Leiden in den Donbass gebracht, sagt er, und weist auf die Bilder an der Wand. Zugleich war es ein "Weckruf", sagt der 19-Jährige abgeklärt. "Mir wurde klar, dass ich selbst aktiv werden muss."


So hat Skripnik vor zwei Jahren mitgearbeitet, das Zentrum "Teplizja" (zu deutsch: Wintergarten) in der ostukrainischen Stadt Slowjansk aufzubauen. Unterstützt von einer Stiftung aus der Westukraine haben sie sich in ein Gassenlokal im Stadtzentrum eingemietet. Helle Räume, ukrainische Gedichte an der Wand, Flipcharts. Der Regen prasselt auf das Vordach, draußen reihen sich graue Plattenbauten aneinander, auf denen Plakate hängen: "Donbass - unser Landstrich." Am Abend wird ein Dichter in Landestracht die Ukraine besingen und über Natur und Heimat philosophieren. Die Gäste werden die Fragen auf Russisch stellen, er wird auf Ukrainisch antworten.

Nicht immer war die Lage hier so entspannt. Am 12. April 2014 wurden in Slowjansk Verwaltungsgebäude unter der Leitung des russischen Kommandeurs und Geheimdienstlers Igor Girkin (Kampfname: Igor Strelkow) besetzt. Dass die Stadt kurz darauf von der ukrainischen Armee beschossen wurde, gilt als Beginn des Krieges in der Ostukraine, der bis heute anhält und laut UN-Angaben an die 10.000 Todesopfer gefordert hat.

Dabei kam Slowjansk noch relativ glimpflich davon: Schon im Sommer 2014 kam die 110.000-Einwohner-Stadt wieder unter ukrainische Kontrolle. Heute verläuft die Frontlinie zwischen der Armee und den pro-russischen Separatisten 80 Kilometer weiter im Osten. Während es entlang der 500 Kilometer langen Frontlinie keinen Tag gibt, an dem die Waffen schweigen, spricht man in Slowjansk schon längst von einer "Nachkriegszeit". Optisch ist Slowjansk fest in ukrainischer Hand: Kaum ein Geschäft, das nicht die blau-gelbe Fahne gehisst hat, kaum ein Plakat, das nicht die Einigkeit mit Kiew beschwört.

Verschlafene Provinzstadt mit alter Sowjetmentalität
Dass gerade in Slowjansk die pro-russischen Separatisten Fuß fassen konnten, sei kein Zufall gewesen, glaubt Skripnik. Eine verschlafene Provinzstadt, wirtschaftlich eng mit Russland verflochten, stark von sowjetischer Mentalität geprägt und daran gewöhnt, dass andere über ihr Schicksal entscheiden: Das habe viele in Slowjansk empfänglich für die Losungen des "Russischen Frühlings" gemacht, der mit einem besseren Leben im Verbund mit Russland lockte. Offen für die russische Propaganda, die die Politiker in Kiew als Faschisten schmähte. Nur eine mündige Zivilgesellschaft könne verhindern, dass sich solche Ereignisse wiederholen. "Nur, wer seine Heimat und seine Geschichte kennt, ist immun gegen die Propaganda", sagt Skripnik.

Wenige Meter weiter ist der Hauptplatz von Slowjansk. Die Schneeschmelze hat die Schlaglöcher in tiefe Wasserlachen verwandelt. Vom wuchtigen Bronze-Lenin ist nur noch der Sockel geblieben, wie bei so vielen Statuen in der Ukraine, die im Zuge der "Ent-Kommunisierung" gestürzt wurden. Dahinter ragt ein fünfstöckiger Betonblock in den Himmel. Ein Plakat in Blaugelb, den Farben der ukrainischen Flagge, heißt die Besucher in der Stadtverwaltung willkommen. Gerade hier haben sich vor drei Jahren die Separatisten wie in einer Festung verschanzt und zum Widerstand gegen die neue Regierung in Kiew aufgerufen.

Denis Bihunow, der zuvor in der Stadtverwaltung arbeitete, erinnert sich noch gut daran. Als Girkins Männer über Slowjansk herrschten, wurde sein Arbeitszimmer zu einer Folterkammer umgebaut. Im Keller des Gebäudes wurden Menschen gefangen gehalten, wie auch die damalige Bürgermeisterin, die zu Beginn noch mit den Separatisten sympathisiert hatte, doch dann in Ungnade fiel. Bihunow hielt sich in dieser Zeit von den Kämpfern fern. Handtücher, Klebestreifen und eine Matratze, mit Schmutz und Speichel übersäht, fand er in seinem Kabinett vor, als die russischen und pro-russischen Kämpfer aus der Stadt türmten. Doch diese schlimmen Bilder sind nicht der Grund, warum er heute nicht mehr in der Verwaltung sitzt. Der 29-Jährige wollte auch seine Heimatstadt im Sinne der "Revolution der Würde", wie die Protestbewegung des Maidan von Anhängern genannt wird, umbauen. Die Ziele: für eine EU-Annäherung, für ein pro-ukrainisches Bewusstsein und gegen Korruption.

Dafür hat Bihunow die Seiten gewechselt. Er ist Aktivist der Organisation "Starke Kommunen" geworden. Von der US-Entwicklungsagentur USAID unterstützt, deckt er mit Kollegen Missstände in der Regionalpolitik auf und pocht auf Bürgerrechte. Als sich der Bürgermeister zuletzt mit Staatsgeldern Sendezeit bei einem lokalen Fernsehsender kaufte, ging Bihunow damit an die Öffentlichkeit und organisierte einen Protest. Der Vertrag mit dem Fernsehsender wurde aufgelöst, die 100.000 Hrywnja (knapp 3500 Euro) wieder in das Staatsbudget zurückgezahlt.

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Schlagwörter

Ukraine, Ostukraine, Russland

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-04-11 18:03:09
Letzte Änderung am 2017-04-12 09:00:26


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