• vom 20.06.2017, 18:09 Uhr

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Update: 25.07.2017, 14:50 Uhr

Kurden

Der zerplatzte Traum vom freien Kurdistan




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Von Eva Reisinger

  • Durch Friedensgespräche mit der Türkei schöpften viele Kurden Hoffnung. Heute ist das Land tiefer gespalten denn je.

Erdogans Friedenswille währte nur kurz; eine neue Repressionswelle fegte über die Kurdengebiete, jeder Widerstand wird niedergewalzt oder mit Tränengas erstickt. - © afp/Akengin

Erdogans Friedenswille währte nur kurz; eine neue Repressionswelle fegte über die Kurdengebiete, jeder Widerstand wird niedergewalzt oder mit Tränengas erstickt. © afp/Akengin



Diyarbakir. Um fünf Uhr am Morgen des 16. März 2016 stürmt die türkische Spezialeinheit für Terrorismusbekämpfung Ramazan Demirs Wohnung. Er liegt in seinem Bett und schläft. Männer mit Sturmmasken und Maschinengewehren wecken ihn. Kurz glaubt er, zu träumen.

Demir kann sich an jedes Detail erinnern, wenn er heute davon erzählt. Warum die Polizei Demir verhaftete, hat einen offiziellen und einen inoffiziellen Grund. Offiziell bestand der Verdacht auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation. Inoffiziell liegt der Grund woanders. Demir ist Kurde und arbeitet als Menschenrechtsanwalt in Istanbul. Geht es nach dem Anwalt, wurden die Ausgangssperren in den Kurdengebieten im Südosten des Landes im Winter 2015 gezielt dazu missbraucht, um Kurden zu foltern, zu töten und ihnen den Zugang zu medizinischer Hilfe zu verweigern.

Sie wurden in ihren Kellern ausgeräuchert und hingerichtet wie unter den Nationalsozialisten." Ein internationaler Bericht des UNO-Menschenrechtshochkommissariats bestätigt nun erstmals maßgebliche Verletzungen der Menschenrechte in vielen kurdischen Städten. Demnach seien zwischen 355.000 und 500.000 Menschen aus ihren Häusern vertrieben und 2000 Menschen bei Einsätzen der Regierungskräfte getötet worden.

Gegen einige dieser Verbrechen reichte Ramazan Demir Klagen beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) ein. Unter anderem, dass Ärzten in der südostanatolischen Stadt Cizre der Zugang zu verletzen Zivilisten verwehrt wurde. Daraufhin forderte der EGMR die türkischen Behörden auf, Ärzte augenblicklich in die abgeriegelten Gebiete zu lassen. Aus juristischer Sicht war diese Maßnahme für den Anwalt ein großer Erfolg. Ab diesem Zeitpunkt begann aber die Polizei, gegen ihn zu ermitteln.

Gefoltert wird weiter

Dass Demir aufgrund seiner juristischen Tätigkeit eingesperrt wurde, kann man ohne den Zugang zu Polizeiprotokollen nicht beweisen, gilt aber als wahrscheinlich. Auch Clemens Lahner, Rechtsanwalt für Menschenrechte in Wien, sieht das ähnlich: "Für die Türkei war die vorläufige Maßnahme des EGMR eine Ohrfeige. Sie machte öffentlich, dass die Türkei bei ihrem angeblichen Kampf gegen den Terrorismus Menschenrechte verletzt."

Demirs Kanzlei liegt in einer Seitenstraße der Haupteinkaufsstraße Istiklal in Istanbul. Von draußen tönt die Musik eines Straßenmusikers herein. Demir trinkt türkischen Tee und spielt mit einem schwarzen Gebetskranz, als er von seiner Haft erzählt. 154 Tage verbrachte er schlussendlich im Gefängnis in Istanbul. Bis er von Bombenanschlägen auf seine Heimatstadt in Südostanatolien im Radio hörte. "Ich konnte nichts anderes tun, als mich auf die Namen der Toten zu konzentrieren." Viele waren Nachbarn und Freunde. Ob seine Familie noch am Leben war, wusste Demir zu diesem Zeitpunkt nicht. Im September 2016 wurde er vorläufig auf freien Fuß gesetzt. Mit zwölf Kilo weniger auf den Rippen reiste er zu seiner Familie nach Sirnak an der Grenze zu Irak und Syrien.

Als Demir in den Trümmern seiner Heimat steht, kann er sein eigenes Haus nicht mehr finden. Nichts ist mehr übrig außer Haufen voller Schutt, Kleiderfetzen und Scherben, der Wind weht Staub durch die Luft, als Demir ein Schulheft mit dem Namen seiner Schwester findet. Er macht ein Foto und stellt es auf Twitter. Es wird fast 3000 Mal geteilt. Man müsse die kurdischen Städte im Südosten der Türkei selbst besuchen, um den Konflikt zwischen Kurden und der Türkei zu verstehen, betont er. "Du kannst in der Luft fühlen, dass du jederzeit erschossen werden könntest." In vielen Städten werden auch heute noch, fast ein Jahr später, Ausgangssperren verhängt, Menschen gefoltert, ermordet oder ganze Städte von der Elektrizität abgeschnitten.

Demir wird nach wie vor verdächtigt, ein Terrorist zu sein. Obwohl sein Gesicht in den türkischen Medien mit dem Stempel "Terrorist" verbreitet wird und sein Verfahren längst nicht abgeschlossen ist, denkt er nicht ans Aufhören. "Ich habe keine Angst, wieder eingesperrt zu werden, aber ich fürchte mich, erschossen zu werden", meint der Menschenrechtsanwalt ernst. Er blickt bedrückt auf die Tastatur seines Computers und startet das Lied "Born To Die" von Lana del Rey. Zu viel Dramatik, selbst für ihn - er muss lachen.

"Fühle mich nicht mehr sicher"

Auch Nesrin Yildiz (Name von der Redaktion geeändert) ist Anwältin und Kurdin. "Ich bin eine Kurdin aus der oberen Mittelschicht Istanbuls und damit eine Exotin", erklärt die 30-Jährige in einem Café in einem hippen Stadtviertel Istanbuls. Sie hat ein rundes Gesicht und dunkle Haare, die sich in viele Locken kräuseln. In ihrer Familie wurde die kurdische Herkunft zwar thematisiert, aber nie in den Vordergrund gestellt. "Ich hörte oft nett gemeinte Sprüche von Schulkollegen oder Freunden, wie: ,Du bist doch zu schön oder zu schlau, um Kurdin zu sein‘." Eine Schulstunde hat sich in ihr Gedächtnis eingebrannt.

Zu dem Fach "Nationale Sicherheit" kam ein Soldat in die Schule. Er zeigte den Schülern eine türkische Landkarte und sagte: "Die Kurden, Armenier und Griechen werden kommen, um unser Land zu nehmen und uns Türken zu ermorden, vergesst das nie." Ab diesem Zeitpunkt erkannte Yildiz, dass sie niemandem erzählen sollte, dass sie Kurdin ist. Als Kurdin, Frau und Anwältin fühlt sich Yildiz heute, wie sie es formuliert, ganz oben auf der Abschussliste der Türkei. "Ich war in den 1980er und 90er Jahren noch ein Kind, kann also keinen Vergleich ziehen, ob die Situation für uns Kurden schlimmer oder besser ist. Ich persönlich fühle mich aber erstmals wirklich unsicher in meinem Land."




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Schlagwörter

Kurden, Türkei, Diyarbakir

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-06-20 18:14:14
Letzte Änderung am 2017-07-25 14:50:12


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