• vom 20.06.2017, 18:09 Uhr

Europastaaten

Update: 25.07.2017, 14:50 Uhr

Kurden

Der zerplatzte Traum vom freien Kurdistan




  • Artikel
  • Kommentare (5)
  • Lesenswert (27)
  • Drucken
  • Leserbrief





Als Kurde lebt man gefährlich: Studentin Heja Turk wird verdächtigt, PKK-Mitglied zu sein. Anwalt Ramazan Demir saß wegen seiner Klage vor dem EGMR bereits in Haft, Cihad Ilbas demonstriert.

Als Kurde lebt man gefährlich: Studentin Heja Turk wird verdächtigt, PKK-Mitglied zu sein. Anwalt Ramazan Demir saß wegen seiner Klage vor dem EGMR bereits in Haft, Cihad Ilbas demonstriert.© Reisinger Als Kurde lebt man gefährlich: Studentin Heja Turk wird verdächtigt, PKK-Mitglied zu sein. Anwalt Ramazan Demir saß wegen seiner Klage vor dem EGMR bereits in Haft, Cihad Ilbas demonstriert.© Reisinger

"Der Konflikt zwischen Kurden und dem Staat ist an sich kein neuer. Bereits während des Türkischen Unabhängigkeitskriegs zwischen 1919 und 1923 überzeugte Mustafa Kemal Atatürk die Kurden, auf seiner Seite zu kämpfen. Er versprach ihnen dafür Autonomie. Als im Juli 1923 der Vertrag von Lausanne unterschrieben wurde, revidierte Atatürk seine Zugeständnisse. Durch den Vertrag bekam die Türkei ihre völkerrechtliche Anerkennung. Die Siedlungsgebiete der Kurden wurden aber einfach unter der Türkei, Irak, Iran und Syrien aufgeteilt. Ab diesem Zeitpunkt forcierte Ankara eine massive Assimilierungspolitik und strich "Kurdistan" einfach von der Landkarte. Seither wird brutal gegen religiöse und ethnische Minderheiten in der Türkei vorgegangen. Denn auch wenn Recep Tayyip Erdogan, der 2003 Premierminister wurde, den Säkularismus schrittweise abschaffte, blieb doch das Modell eines starken Nationalstaates mit ausgeprägtem Patriotismus bestehen. Dazu passten die kurdisch definierten Bewegungen wiederum nicht.

Erdogan als Hoffnungsträger

2013 wirkte dann allerdings alles so, als würden die Kurden in der Türkei endlich demokratisch vertreten werden. Erdogan stimmte einer Waffenruhe mit der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK zu und startete erstmals Friedensgespräche. Zwei Jahre später zog die prokurdische Partei HDP mit 12,7 Prozent ins Parlament ein. Erdogan erweckte dadurch Hoffnungen bei vielen Kurden. Als die HDP-Wähler dann die AKP bei den Parlamentswahlen im Juni 2016 die absolute Mehrheit kosteten, erklärte er die Friedensgespräche für beendet und ging wieder härter gegen die Kurden vor. Beim umstrittenen Verfassungsreferendum Mitte April stimmten 51,3 Prozent der Türken mit "Ja" und damit für eine massive Ausweitung der Machtbefugnisse für Erdogan.

Die türkische Opposition und die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) orteten Wahlmanipulationen. So sollen in der Kurdenmetropole Diyarbakir Wahlbeobachter der HDP und der sozialdemokratischen CHP von der Polizei einfach abgeführt und erst nach der Schließung der Abstimmung wieder freigelassen worden sein.

Sieht man sich die Ergebnisse des Referendums auf der türkischen Landkarte genauer an, wird klar, wie gespalten das Land ist. In den großen Städten, genauso wie in der Ägäis-, Mittelmeerregion und Südostanatolien, wo besonders viele Kurden leben, erreichte Erdogan keine Mehrheit. In Zentralanatolien bis hinauf zur Schwarzmeerregion stimmten hingegen die meisten mit "Ja".

Die türkische Politik ist kompliziert und manchmal schwer zu durchschauen, denn auch das Verhältnis der Kurden zum Staat ist wiederum kein homogenes. So wählte ein gar nicht so kleiner Anteil der Kurden in der Vergangenheit Erdogans AKP. Nicht umsonst schmückte sich der Präsident einmal mit der Aussage, er sei der eigentliche Vertreter der Kurden. Manche wählen Erdogan aufgrund des wirtschaftlichen Aufschwungs, der in seiner Zeit als Premier auf einmal auch bisher vergessene Regionen erreicht hat, andere aufgrund ihrer Abneigung und Angst gegenüber der Kurdischen Arbeiterpartei PKK, andere, um eine Proteststimme gegen die Kemalisten abzugeben. Die Angst vor Gewalt und Terror im Land schien die Motivation vieler Wähler gewesen zu sein, für Erdogan und ein "Ja" beim Referendum zu stimmen. Auch unter Kurden. Denn er versprach ihnen Frieden und Stabilität.

Seit dem Ende der Friedensverhandlungen antwortet die verbotene PKK verstärkt mit Angriffen auf Polizei und Militär. Wie zuletzt im Dezember durch eine Splittergruppe der PKK, genannt TAK, die eine Bombe vor dem Stadion in Istanbul zündete und 38 Menschen tötete sowie 155 verletzte. Die PKK distanziert sich wiederum von der TAK. In Europa wird die PKK als terroristische Organisation eingestuft, genauso wie auch der "Islamische Staat". Das Ziel der PKK ist je nach Interpretation die Gründung eines unabhängigen kurdischen Staates oder ein autonomes Kurdistan innerhalb der Staatsgrenzen. Viele Kurden sehen die PKK darum nicht als eine terroristische Organisation, sondern als den einzig noch möglichen Überlebenskampf.

Eine gefährliche Frage

Auf die Frage wie Yildiz zur PKK stehe, beginnt sie zu flüstern. Das sei derzeit die gefährlichste Frage in der ganzen Türkei, betont sie. Allein darüber zu sprechen, könnte uns ins Gefängnis bringen. "Ich verurteile Gewalt und Krieg grundsätzlich auch im Bezug auf die PKK. Aber wir befinden uns im Krieg. Wir können uns keinen Frieden leisten", sagt Yildiz schließlich unter der Bedingung, in diesem Bericht anonymisiert zu werden. Auch Clemens Lahner denkt, es sei der falsche Weg, die PKK als terroristische Organisation abzustempeln. "In einer funktionierenden Demokratie hat man viele Möglichkeiten, für seine Rechte zu kämpfen: Man kann wählen, sich politisch engagieren und demonstrieren. Wenn aber alle Politiker der gewählten Partei eingesperrt und bedroht werden, stellt sich irgendwann die Frage, ob es legitim wird, zur Waffe zu greifen."

Für Cengiz Günay, Türkei-Experte am Österreichischen Institut für Internationale Politik, ist die PKK klar eine terroristische Organisation: "Auf beiden Seiten, sowohl auf der der Regierung als auch der PKK haben die Falken Gewicht bekommen. Sie sehen derzeit einen größeren Gewinn darin, sich zu bekämpfen, als einen Dialog zu suchen." Eine Einteilung in den bösen türkischen Staat auf der einen Seite und die PKK als eine Freiheitsbewegung auf der anderen würde die Realität verkürzen. Günay warnt vor einer Romantisierung der PKK als Guerillatrupp. Es gebe Berichte von Aussteigern, die zeigen würden, wie gewalttätig es auch innerhalb der PKK zugehe. Zudem nehme die PKK zivile Opfer in Kauf und bediene sich somit terroristischer Methoden, resümiert der Experte.

Auch Heja Turk wird verdächtigt, ein Mitglied der PKK zu sein: "Die Anschuldigungen gegen mich sind immens. Sie werfen mir vor, eine Selbstmordattentäterin zu sein und mich in Istanbul in die Luft sprengen zu wollen", sagt die 28-Jährige mit den schwarzen Locken, deren große Augen mit Kajal umrundet sind.




zurück zu Seite 1 weiterlesen auf Seite 3 von 3




Schlagwörter

Kurden, Türkei, Diyarbakir

5 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-06-20 18:14:14
Letzte Änderung am 2017-07-25 14:50:12


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Aquarius" bangt um seine Flagge
  2. Einigung in Causa Maaßen
  3. Neuwahlen im November?
  4. Britischer Boulevard schäumt: Macron und Tusk "dreckige Ratten"
  5. Schock im Hambacher Forst
Meistkommentiert
  1. "Salvini hat mich in eine Falle gelockt"
  2. Salvini im Porzellanladen
  3. Der Fall Maaßen wird neu aufgerollt
  4. "Eine tickende Zeitbombe in Mitteleuropa"
  5. "Europäer werden dicker, dümmer und grantiger"

Werbung




Werbung