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Update: 03.01.2018, 18:01 Uhr

Flüchtlinge

Ein Tal im Widerstand




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Von WZ-Korrespondentin Judith Kormann

  • In Südfrankreich helfen Dorfbewohner aus Italien kommenden Migranten - und trotzen der offiziellen Flüchtlingspolitik.



Die Menschen im Roya-Tal (im Bild Saorge) haben selbst schon öfter die Staatszugehörigkeit gewechselt.

Die Menschen im Roya-Tal (im Bild Saorge) haben selbst schon öfter die Staatszugehörigkeit gewechselt. Die Menschen im Roya-Tal (im Bild Saorge) haben selbst schon öfter die Staatszugehörigkeit gewechselt.

Paris. "Hier bringen wir sie unter", sagt Françoise Gogois. Die 65-Jährige deutet auf zwei Matratzen im oberen Stock ihres Hauses. Die Laken sind noch zerwühlt. Zwei junge Männer aus Guinea haben erst am Vortag dort geschlafen. "Sie irrten im Dorf umher und wussten nicht wohin", erzählt Françoises Mann Sylvain: "Da hat sie ein Ladenbesitzer zu uns geschickt." Mittlerweile sind die Gogois im ganzen Tal bekannt. Seit knapp zwei Jahren gewährt das Ehepaar Flüchtlingen bei sich zu Hause Unterschlupf und ist damit nicht alleine.

Südfrankreich, das Roya-Tal, benannt nach dem türkisblauen Fluss, der sich gemächlich zwischen den schroffen Felshängen hindurchschlängelt: Etwa 6000 Menschen leben hier, an der Grenze zu Italien, zwischen Olivenhainen und Pinien, in kleinen Bergdörfern.

Gerade hier, mitten im tiefkonservativen Département Alpes-Maritimes, wo jedes Jahr tausende Migranten zu Fuß über die italienisch-französische Grenze kommen, öffnen die Dorfbewohner bereitwillig die Türen. Mehr als zwanzig Familien, Pensionisten, Landwirte und Akademiker geben den Ankömmlingen zu essen, versorgen diese mit Kleidung und fahren sie nach Nizza, wo ein Asylantrag gestellt werden kann.

Der Landwirt Cédric Herrou hat so viele Menschen aufgenommen wie kein anderer. 200 Gäste hatte er im Juli.

Der Landwirt Cédric Herrou hat so viele Menschen aufgenommen wie kein anderer. 200 Gäste hatte er im Juli.© Kormann Der Landwirt Cédric Herrou hat so viele Menschen aufgenommen wie kein anderer. 200 Gäste hatte er im Juli.© Kormann

Gastfreundschaft hat im Roya-Tal eine lange Tradition. In den letzten Jahrhunderten wechselten die Menschen hier selbst öfter die Staatszugehörigkeit. Ihre Dörfer gehörten einmal zu Italien, dann wieder zu Frankreich. Grenzen und Nationalitäten verloren für sie an Bedeutung.

Nur eine Etappe auf dem Weg nach Paris

"Wir haben das nicht geplant, aber als wir die erschöpften Gesichter vor unserer Tür sahen, konnten wir nicht anders, als sie hereinzubitten", sagt Françoise Gogois. Das Ehepaar lebt in dem 80-Seelen-Dorf Libre, von dessen Hang man bis in die Tiefen des Tals blicken kann. Viele Migranten kamen in den letzten zwei Jahren auf dem Weg durch die Berge direkt an dem Haus vorbei. "Bei uns können sie verschnaufen, bevor sie ihre Reise fortsetzen", erzählt die Pensionistin. Das Roya-Tal ist für die meisten Flüchtlinge nur eine Etappe. Sie wollen weiter nach Paris oder Großbritannien.

Durch ihre Hilfeleistungen bekommen die Franzosen allerdings öfters Schwierigkeiten mit dem Gesetz. Im November 2015 hat Frankreich als Folge des Ausnahmezustandes, der nach den Terroranschlägen in Paris verhängt wurde, seine Kontrollen an der italienischen Grenze wieder eingeführt. Seitdem ist es für Migranten so gut wie unmöglich, legal ins Land zu kommen. Helfen Dorfbewohner jenen, die unerlaubt einreisen, wird das von den französischen Behörden immer wieder als Beihilfe zum illegalen Aufenthalt angesehen.




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Dokument erstellt am 2018-01-03 17:44:09
Letzte ─nderung am 2018-01-03 18:01:59



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