• vom 12.01.2018, 18:19 Uhr

Europastaaten

Update: 12.01.2018, 18:44 Uhr

Milos Zeman

Präsident mit Hang zum derben Scherz




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Von Klaus Huhold

  • Volkstribun in den Bierstuben am Land, unbeliebter Polterer bei Intellektuellen: Tschechiens Staatschef bewirbt er sich um eine zweite Amtszeit.



Prag/Wien. Dass der Präsident eines Landes ein Diplomat sein sollte, ist nicht die Devise von Milos Zeman. Dem Sozialdemokraten Bohuslav Sobotka, der in der vergangenen Legislaturperiode Premier war, attestierte er das "Charisma eines Gurkenglases". Bei einer Pressekonferenz kramte Zeman, der Journalisten auch schon als "dumm" und "neidig" bezeichnet hat, einmal das Imitat eines Maschinengewehrs hervor, das er mit der Aufschrift "Für Journalisten" versehen hatte. Das Magazin des Gewehrs war eine Becherovka-Flasche - eine Anspielung auf seine Liebe zu dem Kräuterschnaps, die Zeman auch selbst immer wieder gerne betont. Und im Streit der EU mit Donald Trump, als der US-Präsident Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannte, stellte sich der dezidiert proisraelische Zeman hinter Trump und bezeichnete Brüssel als "feig".

Das stand freilich im Gegensatz zum Standpunkt der tschechischen Regierung. Doch das ficht den 73-Jährigen nicht an. Er hatte versprochen, ein aktives Staatsoberhaupt zu sein, und der in der Kleinstadt Kolin geborene Wirtschaftsingenieur hat während seiner fünfjährigen Präsidentschaft Wort gehalten.


Nun will es Zeman noch einmal wissen: Trotz sichtlich angeschlagener Gesundheit - Zeman geht fast nur noch am Stock und ist zuckerkrank - bewirbt er sich bei den knapp mehr als acht Millionen Wahlberechtigten um eine zweite Amtszeit. Er hat gute Chancen, dass die Bürger ihm auch das Mandat dafür erteilen.

Die erste Runde der tschechischen Präsidentenwahl war für Freitag und Samstag angesetzt. Die letzten Umfragen vor der Wahl sahen Zeman in Front, schrieben ihm aber nicht die absolute Mehrheit zu. Sollte Zeman nicht in die in zwei Wochen angesetzte Stichwahl kommen, wäre das eine große Überraschung. Fraglich blieb, wer von den acht anderen Kandidaten sein Kontrahent bei der Stichwahl sein würde. Die größten Chancen gaben die Demoskopen dem früheren Chef der Akademie der Wissenschaften, Jiri Drahos, der mit seiner ruhigen und besonnen Art einen Gegenpol zu Zeman darstellt. Außenseiterchancen wurden aber auch dem Poptexter und Millionär Michal Horacek sowie Ex-Premier Mirek Topolanek gegeben.

Die Wahl ist vor allem ein Referendum über Zeman. Deshalb debattierten seine Kritiker oft viel mehr darüber, wer in der zweiten Runde die besten Chancen gegen den Amtsinhaber hat, als wer der anderen Kandidaten das beste Programm vorweisen kann.

Denn kaum ein Politiker spaltet das Land so sehr wie der angriffslustige Staatschef mit dem Hang zu derben Scherzen, der große Sympathien für Russland und China zeigt. Der passionierte Raucher hat unter Pensionisten, auf den Dörfern und in den unteren Einkommensschichten viele glühende Anhänger. Äußerst unbeliebt ist er hingegen bei vielen Städtern, Akademikern und auch beim Großteil der Journalisten - wobei diese Abneigung auf Gegenseitigkeit beruht.

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Dokument erstellt am 2018-01-12 18:23:06
Letzte nderung am 2018-01-12 18:44:08



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