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Update: 25.01.2018, 11:57 Uhr

Türkei

"Ich stehe auf der Todesliste"




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Von Bettina Figl

  • Die renommierte türkische Autorin Asli Erdogan über ihre Zeit im Gefängnis, Deniz Yücel und den Kurdenkonflikt.

"Ich versuche, so offen und ehrlich wie möglich zu sein. Aber gleichzeitig habe ich Angst und überlege mir jedes Wort, das ich in den Mund nehme. Ich werde abgehört", sagt Autorin Asli Erdogan im Interview. - © APAweb, afp, dpa, Mohssen Assanimoghaddam

"Ich versuche, so offen und ehrlich wie möglich zu sein. Aber gleichzeitig habe ich Angst und überlege mir jedes Wort, das ich in den Mund nehme. Ich werde abgehört", sagt Autorin Asli Erdogan im Interview. © APAweb, afp, dpa, Mohssen Assanimoghaddam

Demonstranten protestieren gegen türkische Offensive in syrischen Kurdengebieten.

Demonstranten protestieren gegen türkische Offensive in syrischen Kurdengebieten.© reuters/Orsal Demonstranten protestieren gegen türkische Offensive in syrischen Kurdengebieten.© reuters/Orsal

Wiener Zeitung: Die türkische Armee kämpft nun gegen syrische Kurden. Sind Sie überrascht?

Asli Erdogan: Es war klar, dass sie bei der ersten Möglichkeit angreifen werden. Es stimmt mich traurig, dass mein Land Krieg betreibt. Ich befürchte, das ist das Ende all unserer Hoffnungen auf eine friedliche Lösung.

Information

Zur Person:

Asli Erdogan (geb. 1967), türkische Autorin, wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. Bruno Kreisky Preis für Verdienste um die Menschenrechte und den Simone de Beauvoir Preis.

Asli Erdogan kommt das erste Mal seit ihrer Entlassung für eine Lesung nach Wien. Am 3.2. liest sie aus ihren Büchern. WERK X, 1120 Wien. http://werk-x.at

Sie glauben also nicht mehr an eine friedliche Lösung?

Es wird immer schwieriger. Die türkischen Kurden müssen sich jetzt sehr unsicher fühlen. Wie die Atmosphäre in der Türkei ist, kann ich nicht beurteilen (Erdogan befindet sich derzeit in Deutschland, Anm.). Ich habe den Eindruck, dass die ganze Türkei - Gewerkschaften, berühmte Schauspieler, Unternehmer - hinter Erdogan steht. Alle predigen "Gott sei mit unseren Soldaten". Religiöse Stimmen werden stärker. Auch wenn es nun Proteste gibt, werden diese sicher zum Schweigen gebracht. Jeder, der diesen Krieg kritisiert, riskiert als PKK-Mitglied oder Verräter verhaftet zu werden.

Bei Neuwahlen wird Präsident Erdogan nicht nur seine religiös-konservativen Stammwähler, sondern auch säkulare Wähler gewinnen müssen. Glauben Sie, dass ihm das gelingen wird?

Das ist ihm bereits gelungen, die Kemalisten stehen hinter ihm. Vor 20 Jahren wäre es nicht denkbar gewesen, dass Kemalisten "Gott sei mit unseren Soldaten" twittern. Die Kemalisten glauben, dass sie nationalistisch agieren, aber tatsächlich unterstützen sie den eigenen Untergang und den Sieg islamischer Gruppen.

Am Sonntag wurden "patriotische Richtlinien" an die Presse ausgegeben. Gibt es noch so etwas wie eine freie Presse?

Die Mainstream-Medien sind sehr patriotisch, religiös und völlig angepasst. Es sind die ersten Tage des Feldzuges. Vielleicht wird die Berichterstattung wieder rationaler.

Sie wurden im Dezember 2016 aus der viermonatigen Haft entlassen. Sind Sie seither in Deutschland?

Nein, ich habe erst im September 2017 meinen Pass bekommen und bin dann nach Deutschland gereist, ursprünglich war nur eine Woche geplant, ich bin mit kleinem Gepäck angereist. Jetzt bin ich fünf Monate hier. Für Menschen wie mich, wird es in der Türkei immer schlimmer.

Können Sie jetzt offen sprechen oder überlegen Sie genau, was Sie sagen?

Ich versuche natürlich, so offen und ehrlich wie möglich zu sein. Aber gleichzeitig habe ich Angst und überlege mir jedes Wort, das ich in den Mund nehme. Ich werde abgehört. Manchmal wird mir sogar vorgespielt, was ich gesagt habe, während ich noch am Telefon bin. Sie wollen, dass ich weiß, dass ich abgehört werde. Laut HDP gibt es eine Todesliste des türkischen Geheimdienstes, auf der auch ich stehe. Die Todeskommandos richten sich gegen im Exil lebende Autoren und Akademiker, die in Europa umgebracht werden sollen. Natürlich bestreitet die Regierung, dass es diese Liste gibt. Vielleicht wollen sie uns nur einschüchtern, uns wissen lassen, dass wir nicht sicher sind, selbst wenn wir uns nicht in der Türkei aufhalten.

Haben Sie erwartet, dass man Sie verhaften würde, oder waren Sie überrascht?

Ich war überrascht, weil ich nicht politisch aktiv bin. Aber ich habe einen sechsten Sinn und wusste, dass sie kommen und mich schikanieren werden. Ich dachte aber, dass sie mich für ein oder zwei Nächte einsperren und das war’s. Dass sie mir "lebenslänglich" geben wollten, war ein großer Schock.

Ihnen wurde der Terror-Paragraf zur Last gelegt, weil Sie im Aufsichtsrat der kurdischen Zeitung ,"Özgür Gündem" waren.

Ja. Das ist eine total symbolische Position und mein Name stand dort seit fünf Jahren. Und auf einmal meinten sie, ich sei PKK-Anführerin.

Sie befanden sich in Einzelhaft?

Nur die ersten fünf Tage. Ich hatte Glück, es war der Beginn des Ausnahmezustands. Heute sind die meisten Journalisten in Einzelhaft. Das ist extrem schwierig. Fünf Tage in Einzelhaft sind schwieriger als fünf Monate die Zelle mit anderen zu teilen.

Können Sie die Einzelhaft beschreiben?

Man hat acht Quadratmeter und ist ganz alleine. Nach nur wenigen Tagen kann man keine 100 Meter mehr gehen, man ist sofort außer Atem, die Muskeln bauen sehr schnell ab. Es fällt einem schwer, zu sprechen. Es ist die größte Folter, die man einem Menschen antun kann.

Ehemalige Insassinnen berichten von der Solidarität im Frauengefängnis Bakirkoy, wie waren Ihre Erfahrungen?

Im Gefängnis habe ich gelernt, wie stark die Solidarität unter Frauen sein kann. Als ich verhaftet wurde, war ich sehr traumatisiert, habe an Suizid gedacht. Die Frauen haben mir den Suizid ausgeredet, sich um mich gekümmert und mir so das Leben gerettet. Die Gesellschaft zwingt uns, Konkurrentinnen zu sein. Alleine überlebt man im Gefängnis nicht, man muss voneinander lernen.

Werden Sie darüber schreiben?

Ich habe es vor, aber ich muss das erst verdauen. Ich leide unter posttraumatischer Belastungsstörung, habe starke, sehr schmerzhafte Magenkrämpfe, auch letzte Nacht wieder. Ich bin immer noch im Gefängnis.

Wieso glauben Sie, sind Sie frei gekommen?

Ich verdanke das der Solidarität Europas. Es gibt so viele Fälle wie meinen. Vor allem die Länder, in denen meine Literatur bekannt ist, haben sich für mich eingesetzt. Im Gefängnis habe ich das kaum mitbekommen. Als ich entlassen wurde, war ich fast geschockt, dass die ganze Welt meinen Fall kannte. Ich bin sehr dankbar. Ihr seid es, die mich raus gebracht haben.

In manchen Fällen funktioniert das nicht, denken Sie an den deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel . . .

Ja, mitunter macht Solidarität die Regierung noch zorniger. Man weiß nie, wie sie reagieren.

Es kann also einen negativen Effekt haben, wenn man die "Free Deniz"-Kampagne unterstützt?

Dass es keine Rationalität gibt, macht mir am meisten Angst. Man weiß nie, worauf die Regierung wie reagieren wird. Aber daran dürfen wir nicht denken. Es ist das einzig Richtige, weiterhin für die Freilassung von Deniz zu kämpfen, daher müssen wir es tun. Aber wird es einen Effekt haben? Das weiß niemand.

Was ist mit den Gezi-Protesten passiert, wo ist diese Bewegung hin?

Erdogan hat die nationalistische Tendenz in der Gezi-Bewegung gezielt verwendet. Die Opposition ist nun in Kemalisten und Linke aufgesplittet. Die Menschen haben Angst, auf die Straße zu gehen. Die Gefahr, eingesperrt oder verprügelt zu werden, ist vielen zu hoch. Ein zweites Gezi wäre ein Massaker. Seit kurzem gibt es ein Gesetz, das jene, die Gewalt anwenden um die Regierung zu beschützen, nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Das bedeutet, dass sie uns umbringen könnten und mit keinen Konsequenzen rechnen müssen.

Außenministerin Karin Kneissl, deren FPÖ sich für den Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen ausspricht, trifft am Freitag in Istanbul den türkischen Außenminister.Sind Sie für eine Annäherung?

Falls nicht Maßnahmen ergriffen werden, etwa der Ausnahmezustand abgeschafft wird, können wir in der Türkei nicht von Demokratie sprechen. Demokratie in der Türkei ist nirgendwo nahe EU-Standards. Aber ich bin dagegen, Gespräche ganz abzubrechen. Die EU sollte einheitlich auftreten, und das tut sie nicht. Das spielt der türkischen Regierung in die Hände. Wenn alle Türen geschlossen sind, haben wir keine Hoffnung mehr.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-01-24 21:17:09
Letzte nderung am 2018-01-25 11:57:12



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